Für uns der
VAMPIRFILM DES JAHRES 1998:
Virtual Vampire
von Michael Busch

Es ist selten, dass im Vampir-Genre neue Aspekte durch einen Film eingebracht werden, noch seltener, dass dies ein deutscher Film tut, und wenn dies dann noch ein Erstlingsfilm ist, ist die Überraschung perfekt. Eine solche Überraschung konnte man beim 20. Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken Anfang 1999 erleben. Michael Busch legte mit VIRTUAL VAMPIRE einen faszinierenden Film vor, der das Vampirgenre ganz eigenständig beleuchtet, auch wenn er sich in vielen Punkten an klassische Topoi hält.

Die Story ist schnell erzählt: 
Dr. Andres, Experte auf dem Gebiet der Parapsychologie, lernt das Medium Merz kennen, einen Mann Mitte 40, der behauptet, Bilder seiner Gedanken auf dem Bildschirm sichtbar machen zu können. Zur Stimulation braucht Merz allerdings Alkohol und Frauen. Andres erliegt bald der Faszination von Merz, dessen paranormale Bilder aus der Vergangenheit und der Zukunft auch seine Beziehung zu der jungen Fotografin May verändern. Als Mays intime Geheimnisse in den Para-Bildern von Merz auftauchen, eskaliert die Situation. Merz, der seit Jahren um seine bei einem Verkehrsunfall gestorbene Frau trauert, nimmt May für kurze Zeit gefangen, bringt sich um, erscheint aber May und Andres auf dem Fernsehschirm – er muss erlöst werden. Das übernimmt May in klassischer van-Helsing-Manier, mit Säge und Pfahl, bei strömendem Regen. Merz ist erlöst. Bevor er geht, warnt er aber noch Andres vor May – und als diese zurückkommt, erscheint sie, wie Merz kurz vor seinem Tode, nicht auf dem Display der Videokamera...

Genial, wie hier mit neuen Mitteln alte Klischees verbraten und auch verändert werden – der Vampir hat ein Spiegelbild, aber erscheint nicht auf Video. Dabei ist dies zunächst scheinbar gar kein Vampirfilm, er wird es erst in den letzten Minuten. Zunächst geht es um Medien - im doppelten Sinne, medial veranlagte Menschen und die Massenmedien. Das Drehbuch basiert auf dem authentischen Fall von Ted Serios, einem »Medium«, das Mitte der 50er Jahre in Chicago angeblich per Gedankenkraft Bilder auf Polaroidfilm bannte. Im Film wird die plausible These vertreten, es gäbe eine interessante Parallelentwicklung zwischen der Geschichte der technischen Medien wie etwa der Fotografie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und der Entwicklung »medialer« Fähigkeiten bei Menschen: Jedes Medium bildet neue »Medien« aus. Die Kontakte mit der Welt der Geister und Verstorbenen, die sich zuerst in Fotografien manifestieren konnten, erleben mit der Erfindung von akustischen Medien wie Telefon und Radio und optischen Medien wie Film und heute Fernsehen, Video und Internet einen multimedialen Boom.

Der  Film ist also vor allem ein Bilderfilm, ein Film über Bilder und Medien und mit phantastischen Bildern. Wenn dann wie hier noch eine gute Story und tolle Schauspieler/innen dazukommen, entsteht ein wirklich innovativer, sehenswerter Film, der hoffentlich einen Verleih findet, damit ihn möglichst viele Menschen genießen können.


INFO:

VIRTUAL VAMPIRE
Regie und Buch: Michael Busch
Kamera: Marcus Winterbauer. Schnitt: Ute Schall. Ton: Christoph Engelke. Musik: Cem Oral, Air Liquide. Ausstattung: Maja Zogg. Darsteller/innen: Inga Busch, Armin Dallapiccola, René Hofschneider, Rüdiger Kuhlbrodt u. a. Deutschland 1998, Farbe, 35 mm, 92 Min. Produktion: Luxus Film, Michael Busch, Berlin

Michael Busch
wurde geboren 1962. Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen. Anschließend Studium an der Hochschule der Künste Berlin und Abschluß in Experimenteller Filmgestaltung. Seit 1990 Bühnenbilder, Filme und Projektionen im Theaterbereich. Seit 1996 eigene Medientheatergruppe »Luxus Berlin«. Aufführungen und Performances in verschiedenen Städten Deutschlands.