Tuberkulose (Schwindsucht)

Die Tuberkulose, die als Schwindsucht in Literatur und Oper immer wieder die Besten dahinrafft, ist neben Tollwut, Milzbrand und Scheintod eine der wahrscheinlichen »natürlichen« Ursachen für die Entstehung des Vampirmythos. 1880 wurde in Deutschland jeder zweite Todesfall in der Altersgruppe der 15 bis 40-Jährigen auf die Tuberkulose zurückgeführt.

Erreger ist überwiegend das Myobacterium tuberculosis, in Ländern mit Rindertuberkulose auch das Myobacterium bovis. Die Ansteckung erfolgt am häufigsten durch Tröpfcheninfektion. Noch immer ist die Krankheit in Entwicklungsländern eine gefürchtete Seuche, an der Millionen Menschen sterben, und durch die zunehmende Antibiotika-Restistenz und immer schlechter werdende Impfhygiene wird sie auch in entwickelten Ländern wieder bedrohlicher, insbesondere in Osteuropa hat die Antibiotika-Resistenz bedrohliche Ausmaße angenommen. 2006 gab es erste Berichte über extrem-resistente Tuberkulose-Stämme. Inzwischen gibt es sie in 58 Ländern. Die WHO spricht von 25.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Auch in Deutschland steigen die Zahlen. 2012 tauchten in Indien Stämme von Tuberkulose-Erregern auf, die gegen alle verfügbaren Antibiotika resistent sind. TDR: totally drug resistant. Alle infizierten Patienten starben in den ersten Jahren daran.

Auch bei uns ist die Entwicklung bedenklich: 2002 waren in Deutschland 12 % aller Erreger gegen mindestens eines der 5 Standardantibioika resistent. In Deutschland wurden 2011 dem Berliner Robert Koch-Institut (RKI) 4317 Krankheitsfälle gemeldet; das entspricht fast 6 Neuerkrankungen pro 100.000 EinwohnerInnen! Und die Dunkelziffer ist hoch, denn oft wird die Erkrankung nur durch Zufall entdeckt, viele ältere Menschen tragen den Erreger in sich, nach Schätzung der WHO ein Drittel aller Menschen.

Problematisch ist in Europa die zunehmende Rsistenz der Erreger, oft schon gegen die Mehrzahl der vorhandenen Medikamente. In manchen osteuropäischen Ländern helfen die die beiden wichtigsten Arzneien, Isoniazid und Rifampicin, nur noch bei 85 % der Betroffenen. Und es gibt immer mehr Fälle von TDR-Tuberkulose, in der Ukraine 2016 etwa 12.000 Menschen mit multiresistenter Tuberkulose beietwas mehr als 40 Millionen Einwohnern.

Die Abteilung für Infektiologie am Forschungszentrum Borstel nahe Hamburg behandelt inzwischen jährlich fast 100 Menschen mit TDR, die meisten aus osteuropäischen Ländern. Mit einem Gerät, das ein wenig aussieht wie eine moderne Kaffeemaschine, kann man dort aktuell, im Jahr 2017, innerhalb von etwa anderthalb Stunden alle Tuberkulos e-Bakterien und ihre Resistenzen identifizieren. Bei TDR kann eine teure, individuell abgestimmte Kombinationstherapie mit so genannten Reserveantibiotika und oft schweren Nebenwirkungen, die bis zu zwei Jahre dauern kann, zur Heilung führen.

Von den 20 Staaten mit der höchsten Quote des resistenten Erregertyps liegen 14 in Europa. Europa steht in puncto Tuberkulosefälle inzwischen auf einer Stufe mit Afrika! Weltweit tragen rund 2,5 Milliarden Menschen (eine von drei Personen) das Bakterium in sich, jede Sekunde kommt ein weiterer Fall hinzu. Jährlich erkranken rund neun Millionen Menschen neu an Tuberkulose. 2012 starben 1,3 Millionen Menschen an TBC, die meisten wohl wegen unzureichender Behandlungsmöglichkeiten und/oder Ernährung.

Der derzeit eingesetzte Tuberkulose-Impfstoff BCG (»Bacillus-Calmette-Guérin«), der bereits seit 1921 verwendet wird, schützt nicht vor der häufigsten Form der Krankheit, der Lungentuberkulose bei Erwachsenen. Deshalb testen in der Klinik für Pneumologie im Berliner »HELIOS Klinikum Emil von Behring« an einer eigens 2009 eingerichteten Tuberkulose-Station Forscher des Max-Planck-Instituts einen neuen Impfstoff gegen die Tuberkulose. Erste klinische Tests stimmen hoffnungsfroh, aber bis zu einem breiten Einsatz werden noch Jahre vergehen.

 

Wie sehr die Tuberkulose beigetragen haben mag zum Erhalt des Vampirglaubens, beweist ein Fund, den man 1993 in Connecticut, USA, gemacht hat: das Skelett eines Vampirs – die Überreste eines großen Mannes, enthauptet, die Beinknochen gekreuzt und der Schädel auf diese drapiert. Zusätzlich wurde bei dieser Vampirhinrichtung à la USA der Brustkorb zertrümmert, wohl um das Herz zu entfernen, zu verbrennen und die Asche, mit Flüssigkeit gemischt, als Schutztrunk zu verwenden. Da die Initialen des Toten »J.B.« lauteten und er auf dem Familienfriedhof der Familie Walton lag, tauften ihn die Forscher nach der Fernsehserie »John Boy«. Er war wahrscheinlich das erste Opfer einer Tuberkulose-Epidemie, die im 19. Jahrhundert die Familie heimsuchte. Als später die übrigen Familienmitglieder dahinsiechten, kam ein erster Verdacht auf, als sie ihn ausgruben, fanden sie einen aufgedunsenen, also »gut genährten« Leichnam – der Schluss lag nahe, John Boy sei ein Wiedergänger, ein Vampir. Ironischerweise trug das Vampir-Ritual zur Verbreitung der Krankheit bei – bei der Zertrümmerung der Knochen wurde der Bazillus verbreitet, ebenso bei der Zubereitung und Aufnahme des »Schutztrunkes«. Und auch heute könnte der »Fluch des Vampirs« zuschlagen – denn Tuberkelbazillen sind im Grab mindestens Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte überlebensfähig!

 

Literatur:
Heinz SPIESS, Ulrich HEININGER (Hrsg.): Impfkompendium – Stuttgart/New York (6)2005
Gottfried KIRCHNER: Terra X – Schatzsucher, Ritter und Vampire – München 1997

Anke Brodmerke: Tuberkulose. Die weiße Pest schlägt zurück. Frankfurter Rundschau 2./3. August 2012