Die Tuberkulose, die als Schwindsucht in Literatur und Oper immer wieder die Besten dahinrafft, ist neben Tollwut, Milzbrand und Scheintod eine der wahrscheinlichen »natürlichen« Ursachen für die Entstehung des Vampirmythos. 1880 wurde in Deutschland jeder zweite Todesfall in der Altersgruppe der 15 bis 40-Jährigen auf die Tuberkulose zurückgeführt.
Erreger ist überwiegend das Myobacterium tuberculosis, in Ländern mit Rindertuberkulose auch das Myobacterium bovis. Die Ansteckung erfolgt am häufigsten durch Tröpfcheninfektion. Noch immer ist die Krankheit in Entwicklungsländern eine gefürchtete Seuche, an der Millionen Menschen sterben, und durch die zunehmende Antibiotika-Restistenz und immer schlechter werdende Impfhygiene wird sie auch in entwickelten Ländern wieder bedrohlicher, insbesondere in Osteuropa. Laut WHO hat dort die Antibiotika-Resistenz bedrohliche Ausmaße angenommen, weltweit sollen bereits über 50 Millionen Menschen mit multiresistenten Stämmen infiziert sein (Stand 2008). Mitte 2006 hatte die Tuberkulose in Westeuropa den höchsten Stand seit 1945 erreicht. In ganz Europa ging die WHO für das Jahr 2005 von einer Gesamtzahl an Tuberkuloseerkrankungen von 445.000 aus. Von den 20 Staaten mit der höchsten Quote des resistenten Erregertyps liegen 14 in Europa. Europa steht in puncto Tuberkulosefälle inzwischen auf einer Stufe mit Afrika! Weltweit tragen rund zwei Milliarden Menschen (eine von drei Personen) das Bakterium in sich, jede Sekunde kommt ein weiterer Fall hinzu. Jährlich erkranken rund zehn Millionen Menschen neu an Tuberkulose. Nach unterschiedlichen Angaben sterben jährlich 1,6 bis 3 Millionen Menschen an Tuberkulose, die meisten wohl wegen unzureichender Behandlungsmöglichkeiten, man rechnet mit etwa 40 Toten pro 100.000 Erkrankten.
Aber auch bei uns ist die Entwicklung bedenklich: 2002 waren in Deutschland 12 % aller Erreger gegen mindestens eines der 5 Standardantibioika resistent.in Deutschland wurden 2009 rund 4.400 Tuberkulose-Erkrankungen beim Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet, das entspricht 5,5 Neuerkrankungen pro 100.000 EinwohnerInnen! Und die Dunkelziffer ist hoch, denn oft wird die Erkrankung nur durch Zufall entdeckt, viele ältere Menschen tragen den Erreger in sich, manche Fachleute schätzen, dass ein Drittel der Menschheit den Tuberkulose-Erreger in sich trägt. Der derzeit eingesetzte Tuberkulose-Impfstoff BCG (»Bacillus-Calmette-Guérin«), der bereits seit 1921 verwendet wird, schützt nicht vor der häufigsten Form der Krankheit, der Lungentuberkulose bei Erwachsenen. Deshalb testen in der Klinik für Pneumologie im Berliner »HELIOS Klinikum Emil von Behring« an einer eigens 2009 eingerichteten Tuberkulose-Station Forscher des Max-Planck-Instituts einen neuen Impfstoff gegen die Tuberkulose.
Wie sehr die Tuberkulose beigetragen haben mag zum Erhalt des Vampirglaubens, beweist ein Fund, den man 1993 in Connecticut, USA, gemacht hat: das Skelett eines Vampirs – die Überreste eines großen Mannes, enthauptet, die Beinknochen gekreuzt und der Schädel auf diese drapiert. Zusätzlich wurde bei dieser Vampirhinrichtung à la USA der Brustkorb zertrümmert, wohl um das Herz zu entfernen, zu verbrennen und die Asche, mit Flüssigkeit gemischt, als Schutztrunk zu verwenden. Da die Initialen des Toten »J.B.« lauteten und er auf dem Familienfriedhof der Familie Walton lag, tauften ihn die Forscher nach der Fernsehserie »John Boy«. Er war wahrscheinlich das erste Opfer einer Tuberkulose-Epidemie, die im 19. Jahrhundert die Familie heimsuchte. Als später die übrigen Familienmitglieder dahinsiechten, kam ein erster Verdacht auf, als sie ihn ausgruben, fanden sie einen aufgedunsenen, also »gut genährten« Leichnam – der Schluss lag nahe, John Boy sei ein Wiedergänger, ein Vampir. Ironischerweise trug das Vampir-Ritual zur Verbreitung der Krankheit bei – bei der Zertrümmerung der Knochen wurde der Bazillus verbreitet, ebenso bei der Zubereitung und Aufnahme des »Schutztrunkes«. Und auch heute könnte der »Fluch des Vampirs« zuschlagen – denn Tuberkelbazillen sind im Grab mindestens Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte überlebensfähig!
Literatur:
Heinz SPIESS, Ulrich HEININGER (Hrsg.):
Impfkompendium – Stuttgart/New York (6)2005
Gottfried KIRCHNER: Terra X – Schatzsucher, Ritter und Vampire – München
1997