Tollwut

Die Tollwut (= Rabies-Enzephalities, Lyssa) ist neben Tuberkulose (»Schwindsucht«), Milzbrand und Scheintod eine der wahrscheinlichen »natürlichen« Ursachen für die Entstehung des Vampirmythos.

Ursache ist das Tollwut-Virus, auch Lyssa- oder Rabies-Virus genannt, das zur Familie der Rhabdoviridae gehört. Das Krankheitsbild wird durch die Enzephalitis bestimmt, die, wenn einmal ausgebrochen, für Mensch und Tier praktisch immer tödlich ist. »Ausnahme: südamerikanische Vampirfledermäuse können das Virus übertragen, ohne selbst zu erkranken!« (Riede/Schaefer)

Epidemiologisch unterscheidet man die sylvatische Tollwut (unter Wildtieren, nahezu weltweit, in Europa hauptsächlich als Fuchstollwut) von der urbanen (Haustiere, vor allem in Afrika und Asien) und der Tollwut der Fledermäuse. Gegen letztere, die sowohl blutsaugende Vampirfledermäuse wie auch insektenfressende Tiere befällt, werden in Südamerika Rinder gegen Tollwut geimpft.

Eine Therapie ist auch heute noch nur kurze Zeit nach einem Biss durch aktive und passive Immunisierung möglich. Die sehr unterschiedliche Inkubationszeit, die von 10 Tagen bis zu 1 Jahr (Durchschnitt 1 bis 2 Monate) reichen kann, macht die Tollwut zusätzlich gefährlich. 1984 mussten sich nach Angaben der WHO etwa 1 Million Menschen einer Tollwutimpfung unterziehen, und man schätzt die Zahl der Todesfälle auch heute noch allein in Indien auf ca. 50.000 pro Jahr!

In Deutschland starb zuletzt 1996 ein Mensch an Tollwut, der in Sri Lanka von einem Hund gebissen worden war, in Großbritannien kam es Ende November 2002 zu einen Todesfall nach einem Biss durch eine Fledermaus!

Die Übertragung findet durch den Speichel infizierter Tiere oder Menschen statt, selten kommt es aber auch zur Infektion durch Inhalation: »Dies ist bei Besuch von Höhlen möglich, die mit Fledermäusen besiedelt sind, da diese Tiere lange Zeit Virusträger sein können und ihre Ausscheidungen auch in verstäubter Form virushaltig sind. Dabei spielen sowohl blutsaugende, sogenannte Vampirfledermäuse als auch insektenfressende Fledermäuse eine Rolle. Die Blutsauger stellen in Mittel- und Südamerika eine Gefahr für Haustiere und vereinzelt für den Menschen dar.« (Spieß)

Im Juli 1999 sorgten durch blutsaugende Fledermäuse in Peru verursachte Tollwutfälle für SchlagzeilenEnde Mai 2004 wurden aus Brasilien mindestens 22 Totesfälle infolge von Tollwut nach Fledermausbissen gemeldet. Im November 2005 berichtete ddp, in Brasilien sei die Tollwut infolge von Massenimpfungen von Hunden und Katzen auf dem Rückzug, auch wenn eine Zunahme von Vampirattacken zu beobachten sei. Immerhin starben in den ersten 10 Monaten des Jahres 2005 mindestens 38 Menschen in Brasilien nach dem Biss einer Vampir-Fledermaus an Tollwut.

Ein von der Tollwut befallener Mensch ist extrem licht- und zugempfindlich und wasserscheu (Hydrophobie). Er verbirgt sich wenn möglich in seiner Höhle oder Hütte und wird an der »stillen Wut« (ca. 20 % der Fälle) oder an der »wilden« oder »rasenden Wut« unter schrecklichen Krämpfen sterben; für Menschen, die keine Ahnung von der Art der Krankheit haben, ein entsetzlicher Anblick. Zudem sind an Tollwut erkrankte Menschen sehr geruchsempfindlich und weichen daher (auch) vor Knoblauch zurück.

Tollwut war bis ins letzte Jahrhundert eine in Europa weit verbreitete Krankheit. Erkrankte scheiden reichlich ansteckenden Speichel aus, und es gibt nur 3 belegte Fälle von Überlebenden. In Transsilvanien gab es im 17. und 18. Jahrhundert Epidemien, bei denen Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Menschen starben!

Literatur:
Hans J. BÄTZA: Tollwut. Gefahr für Mensch und Tier – Bonn [21]2009
Heinz SPIESS, Ulrich HEININGER (Hrsg.): Impfkompendium – Stuttgart/New York (6)2005