
Ein
Leckerbissen nicht nur für Vampirfans
Als
ich zum ersten Mal davon hörte, dass der »Tanz der Vampire«
als Musical gestaltet werden sollte, war ich sehr skeptisch. Wie sollte ein
solcher Stoff, der seit Jahrzehnten als Kultfilm
begeistert, adäquat umgesetzt werden? Natürlich war von Polanski,
dem genialen Künstler und Perfektionisten, auch in diesem, ihm bis dahin
fremden, Genre künstlerische Topqualität zu erwarten, doch ist Theater
und vor allem Musical nun einmal etwas vollkommen anderes und muss mit
ganz anderen Mitteln arbeiten, und es war die Frage, ob die Stärken des
Films, vor allem das parodistische Element, erhalten bleiben würden.
Die
Frage ist mit einem klaren JA zu beantworten. Polanski ist es gelungen, alle
wesentlichen Aspekte des Films in das Musical zu übertragen (siehe »Die
Story« – dort finden sich auch einige Fotos zu den Szenen),
er hat einiges vertieft und die Story damit erheblich bereichert. Das Stück
ist auf jeden Fall zu empfehlen und ein tolles Erlebnis.
Absolute
Weltklasse sind das Bühnenbild (William Dudley),
das Lichtdesign (Hugh Vanstone), die Choreographie
(Dennis Callahan) sowie Kostüme und Maske
(Sue Blane) – bei letzterer mit der Einschränkung, dass ich
mir modernere, bessere Vampir-Zähne gewünscht hätte, vor allem
bei den SolistInnen. Es war schon komisch, immer darauf zu warten, wann sich
wieder eine/r umdreht, um die Zähne an- oder auszuziehen. Man hätte
bei einer Produktion, die immerhin über vier Millionen Mark kostete, ruhig
investieren können in entsprechend angepaßte Gebisse. Dass so
etwas geht, weiß ich durch unser Theaterstück »Carmilla«
aus eigener Erfahrung. Es gibt heutzutage auch die Möglichkeit, die Zähne
wegzuklappen oder sogar per Mini-Motor ein- und auszufahren. In diesem Stück
aber müssen sich leider außer Professor Abronsius, der Wirtin Rebecca
und dem Krüppel Koukol alle SolistInnen zumindest zeitweise mit doch recht
störenden Beißerchen (man hört es leider auch!) herumplagen.
Zumindest dem Grafen hätte man ein anständiges Gebiß verpassen
können, mit dem er auf Dauer herumlaufen und vor allem ungestört singen
könnte.
Wie Bühnenbildner
und Lichtdesigner parallel stattfindende Szenen auf verschiedenen Ebenen gestalten
– vor allem im Gasthaus, aber auch im Vampir-Schloß,
z. B. bei der phänomenalen Friedhofsszene
– und die Spiegelszenen beim Verführungsversuch
durch den schwulen Grafensohn und beim Ball der
Vampire hinbekommen (die Vampire haben kein Spiegelbild!), ist genial, wie
das Bühnenbild überhaupt absolut phantastisch und atmosphärisch
sehr gelungen ist. Wie es die Regie durch geschickte Auf- und Abgänge durch
das Publikum schafft, dieses immer wieder einzubeziehen, auch mal zu verschrecken,
etwa wenn hinter den Säulen im Zuschauerraum schaurig-schöne Vampire
auftauchen oder am Ende der Friedhofsszene die
Vampire durch das Publikum davonhumpeln und plötzlich ZuschauerInnen zu
beißen drohen – das ist hervorragend gemacht und sehr zu loben.
Zudem bietet dies den Gästen zumindest auf den besseren Plätzen die
Gelegenheit, die toll zurechtgemachten VampirInnen wie auch einige der HauptdarstellerInnen
aus der Nähe zu betrachten. (Eine ausführliche Beschreibung und Kritik
der einzelnen Szenen findet sich unter der »Einzelkritik
zu Musik und Text«).
Das Weltklasse-Niveau
kann Tondesigner Richard Ryan leider nicht ganz
halten; zwar hat auch er tolle Effekte eingebaut, doch oft sind die Texte schwer
verständlich, vor allem bei Duetten, Quartetten oder Chören; bei den
Massenszenen sind sie meist nur zu erraten.
Die SängerInnen
und TänzerInnen hingegen sind hervorragend. In dem Ensemble, das insgesamt
durch Höchstleistungen besticht, gefielen mir ganz besonders gut Gernot
Kranner als skuriler Professor und James
Sbano als Gastwirt Chagal, der die Mischung aus Komik und Einsichten
eines »kleinen Mannes« bestens herüberbringt.
Obwohl die
Musik, zumindest formal, der wichtigste Unterschied zwischen Musical
und Film ist, gehört sie, zumindest im 1. Akt, leider nicht zu den großen
Stärken der Produktion. Auch ein renommierter Mann wie Jim Steinman –
immerhin ist der »Richard Wagner des Rocks« einer der erfolgreichsten
Liedschreiber, Sänger und Produzenten der letzten Jahrzehnte und hat Hits
u.a. für Meatloaf und Bonnie Tyler geschrieben – garantiert eben
nicht automatisch für Klasse. Allzusehr paßt sich Steinman manchmal
dem Massengeschmack an; bei den düsteren Stellen ist die Musik oft
zu rockig und wird dem Text nicht gerecht. Was »dunkle Romantik«
betrifft, da könnte er sich einiges abschauen bei Gothic- und Dark-Wave-Musik.
Die Liebeslieder hingegen sind fast alle zu schnulzig, ja banal. So sind
Steinman leider nur wenige eingängige Melodien eingefallen, die sich auf
Dauer einprägen dürften – vor allem wohl »Draußen
ist Freiheit« und »Totale Finsternis« (»Tauch mit mir
in die Dunkelheit ein«), mit dem er seinen Welthit »Total Eclipse
of The Heart« recycelt hat, und vielleicht noch das sehr gelungene »Wahrheitslied«
des Professors. Überhaupt ist Steinmans Musik bei den komischen Szenen
mit am stärksten. Die Musik, die er für Professor Abronsius und den
Wirt Chagal geschrieben hat, paßt bestens zu diesen Charakteren. Sehr
gelungen sind auch die Tanz- und Massenszenen – auch wenn ich mich frage,
warum im Wirtshaus russische Anklänge zu
vernehmen sind statt der zu Transsilvanien passenden rumänischen und ungarischen.
Besonders die Vampirtänze, etwa der Alptraum
oder die Friedhofsszene, sind absolut mitreißend.
Sehr geschickt setzt Steinman verschiedene Leitmotive ein. Vor allem im zweiten
Teil wird die Musik immer besser und Steinman seinem Ruf vollauf gerecht.
Buch
und Texte stammen von Michael Kunze. Der gebürtige Prager hat nach
einer Karriere als Schlagertexter (u.a. für Udo Jürgens, Nana Mouskouri,
Peter Alexander und Gitte Henning) zahlreiche bekannte Musicals ins Deutsche
übertragen, von »Evita« und »Cats« über »Phantom
der Oper« bis zu »Sunset Boulevard«. Mit »Elisabeth«
läuft sein zweites eigenes Musical seit Jahren erfolgreich in Wien. Seine
Vergangenheit als Schnulzenschreiber merkt man Kunze beim »Tanz der Vampire«
leider manchmal an: Allzu kitschig, banal, ja oft unfreiwillig komisch sind
ihm die Liebeslieder geraten, vor allem die Duette von Sarah und Alfred. Zusammen
mit der schnulzigen Musik ziehen sich diese Szenen oft unerträglich lang.
Hier täten kräftige Striche gut.
Die Umsetzung
von Polanskis Film ins Musical hat Kunze hingegen geradezu genial gemeistert.
Und er hat die im Film klischeehafte, holzschnittartige Zeichnung der Charaktere
erheblich vertieft, worauf Polanski in sämtlichen Interviews immer ausdrücklich
hinweist. Hier ist das Musical dem Film eindeutig überlegen. Nur die »Psychologisierung«
der Vampire, wie Polanski es nennt, ist nicht so ganz gelungen.
Die Zeichnung
von Prof. Abronsius als positivistisch-rationalem Wissenschaftler ist absolut
treffend und schlüssig (bei dieser Figur erreicht auch die Musik hohes
Niveau und paßt bestens). Der Wirt Chagal und
seine Frau Rebecca gewinnen an Profil, die Wirtin als zwar resolute, aber auch
empfindsame liebende Frau, der Wirt als schlitzohriger und jede Gelegenheit
nutzender und zugleich von oben ausgebeuteter, geplagter »kleiner Mann«.
In der Gruft hat er als Vampir einen der stärksten
Texte des ganzen Stückes, wenn er ähnlich wie Voltaire
oder Marx konstatiert:
»Jeder
saugt jeden aus,
das ist das Gesetz dieser Welt.
Jeder nimmt sich von jedem,
das, was ihm nützt und gefällt.
Wenn es kein Blut ist,
ist es Liebe oder Geld.«
Auch im großen
Finale, wenn die Vampire von der Weltherrschaft
träumen und zum»Tanz der Vampire« laden, taucht das Motiv wieder
auf – lobenswerterweise haben Kunze und Polanski diesen modernen politischen
und sozialkritischen Aspekt der Metapher Vampir hier weitaus stärker
als im Film herausgearbeitet.
Während
Alfred und der schwule Grafensohn Herbert gegenüber dem Film kaum an Profil
gewinnen, gehört die Vertiefung der Charaktere
der beiden jungen Fauen zu den Pluspunkten des Musicals. Die Magd Magda, die
im Film kaum etwas zu sagen hat, zeigt hier sehr schön die Ambivalenz der
von ihrem Chef zum Sex genötigten Bediensteten – ein hochaktuelles
Motiv.
Ist Sarah
im Film das naive, etwas dümmliche Mädchen, das zwar merkt, DASS ihm
etwas, aber nicht, WAS ihm fehlt, und wird gegen seinen Willen von Graf Krolok
entführt, so ist sie hier eine eigenwillige, wenn auch immer noch etwas
naive junge Frau, die genau weiß, was sie will. Sarah entscheidet sich
bewußt für den Grafen, um mit ihm den unumkehrbaren Schritt zu machen
– nicht den erträumten und mit Alfred möglichen von der Jungfrau
zur Frau, sondern den in die Unsterblichkeit. Dieses Initiationsmotiv ist sehr
gut ausgearbeitet und taucht wiederholt auf. Kunze hat sowohl die Analogie von
sexueller und vampiresker Initiation wie auch deren Endgültigkeit, ihre
Unumkehrbarkeit, schön dargestellt. Etwas unklar bleibt allerdings, wieso
Sarah dem Vampir verfällt – was genau sie an diesem und der Vampirexistenz
so reizt.
Denn
das ist in meinen Augen der Schwachpunkt des Musicals: Die
Rolle des Vampirs, seine »Lebensauffassung« ist leider zu
wenig durchdacht und oft widersprüchlich. Hier hat Kunze, immerhin promovierter
Jurist und also als Analytiker geschult, sich die Sache zu leicht gemacht, zu
wenig nachgedacht. Doch mit diesem zentralen Punkt steht und fällt die
Schlüssigkeit der Entscheidungen sowohl Graf Kroloks wie von Sarah. Auch
bleibt etwas unklar, wieso Sarah der erotischen Anziehung des Vampirs verfällt
– denn leider ist von dieser bei aller Bombastik, tollen Stimme und wehendem
Umhang bei Steve Barton nur wenig zu spüren (2.
Akt, 1. Szene). Oder verfällt sie der Erotik der Macht?
Unklar ist
vor allem, was der Vampir Sarah eigentlich verspricht und wieso er sie zu sich
holen will. Schwankend zwischen Depression und Machthunger, »Lebens«überdruß
und Weltbeherrschungsphantasien ist dieser Vampir, sind hier alle Vampire unklare
Gestalten, denen man weder ihre angebliche Gier (wonach – nach Leben?
nach Blut? das ist eher normaler Hunger!) noch die ab und zu angedeutete Melancholie
abkauft. Was an diesem Vampirdasein ist so schrecklich, wie der Graf es in der
Friedhofsszene beklagt? Und wenn er wirklich so
verzweifelt, ja depressiv ist – warum geht er nicht einfach in die Sonne?
Warum will er dann Sarah zu seinesgleichen machen, wenn er sie doch angeblich
liebt, ihr das Vampirdasein und dessen angeblichen Fluch also ersparen sollte?
Oder verspricht er ihr, wie so viele Männer, mehr, als er halten kann (und
will), ist er wie ein menschlicher Macho nur darauf aus, sie zu besitzen, und
lügt sie deshalb an?
Aber was
an diesem Vampirdasein soll so anziehend sein, dass Sarah sich für
den Grafen und nicht für den jungen, hübschen Alfred entscheidet?
Keine dieser Fragen wird von den Vampiren beantwortet. Möglicherweise sind
die Vampire auch einfach manisch-depressiv oder schizoid – man kann hier
viel spekulieren und sicher schlüssige Interpretationen finden. Doch lässt
das Stück das Publikum hier leider alleine und bleibt allzu vage und unentschlossen.
Trotz
dieser Schwäche ist der »Tanz der Vampire« absolut zu empfehlen
und ein phantastisches Erlebnis, ein Leckerbissen nicht nur für Vampirfans,
sondern für alle, die gerne Musicals sehen – besonders für jene,
die die moderne, technizistische Musical-Welt eines »Starlight-Express«
oder der »Linie 1« leid sind. Wer sich für einen unvergeßlichen
Abend verzaubern lassen möchte, wer eintauchen möchte in eine fremde
Welt voller Melancholie, Gefahr und Komik, der sollte unbedingt die Einladung
annehmen zum »Ball der Vampire«!