Der Vater von DRACULA: Bram Stoker

Bram (Abraham) Stoker (8.11.1847 – 20.4.1912), Theaterkritiker, -manager und -leiter, schuf 1897 mit seinem DRACULA den wohl berühmtesten Vampir aller Zeiten.

Stoker hörte 1890 von dem renommierten ungarischen Orientalisten Hermann (Arminius) Vambéry, den er in seinem Roman auch erwähnt, von dem Pfähler Vlad Țepeș. Von da an ließ ihn die Gestalt dieses Fürsten nicht mehr los. 1897 erschien sein Roman »Dracula«, in dem der Graf ziemlich deutlich als Țepeș zu identifizieren ist. Wahrscheinlich hat Stoker in Dracula auch seinen Chef Henry Irving porträtiert – die Beschreibung stimmt bis in die Einzelheiten, und der »Held«, van Helsing, heißt Abraham. Sowohl mit seinem »Supervampir« als auch seinen Helden hat der spätere Modellathlet Stoker wohl immer wieder eine jahrelange Krankheit und Schwäche als Kind kompensiert.

Bram Stoker war übrigens von »Carmilla« so beeindruckt, dass Jonathan Harker im ursprünglichen Einleitungskapitel des Romans das Grab der Gräfin entdeckt. Das Kapitel wurde später gestrichen, nach Stokers Tod aber als »Draculas Gast« veröffentlicht.

»Dracula« wurde der erfolgreichste Vampir-Roman überhaupt – ein mittelmäßiger, prüder Trivialroman bestimmt unser Bild des Vampirs bis heute. Wie so oft in Politik und Kunst stimmen Qualität und Wirkung nicht überein – man denke nur an Hitler. (Der Roman liegt in mehreren deutschen Ausgaben vor.

 

In Stokers Romanen feiert die viktorianische Prüderei fröhliche Urständ, gleichzeitig gibt es immer wieder ausgesprochen sexuell aktive, meist bedrohliche Frauen. Besonders die Vampirfrauen haben bei diesem verklemmten Autor – der bei seiner Frau, einer ehemaligen Geliebten Oscar Wildes, sexuell unbefriedigt gewesen sein soll und seine homoerotischen Bedürfnisse wohl nur im Geheimen ausleben konnte – eine starke erotische Ausstrahlung, und Lucy möchte am liebsten alle drei Anbeter heiraten. Hingegen ist Graf Dracula in erster Linie ekelhaft; erst Bela Lugosi und vor allem Christopher Lee machten ihn zum erotisch anziehenden Wesen.

Stoker hat den Siegeszug seiner Romans, oder besser seiner Romanfigur, nicht mehr erlebt. Als er 1912 an »Überarbeitung« (war es Syphilis?) starb, war das Buch fast so erfolglos wie seine übrigen Romane. Erst der Film hat Dracula dann zum Inbegriff des Vampirs gemacht. (Inzwischen gibt es auch einige gelungene Hörspieladaptionen.)

 

Drei von Stokers 11 übrigen Vampirromanen – allesamt mit Vampirinnen, zumindest wenn man den Begriff Vampir weit genug fasst – liegen seit 1993 bei Bastei-Lübbe in dem Sammelband »Im Schatten der Vampire« auch in deutscher Sprache vor, darunter neben der eher unbedeutenden transsilvanischen Gruselstory »Das Geheimnis des schwimmenden Sarges« (The Lady of the Shroud, 1909) auch Stokers letzter Roman »Das Schloss der Schlange« (The Lair of the White Worm, 1911), der von Ken Russell unter dem Titel »Der Biss der Schlangenfrau« verfilmt wurde. 2005 hat Bastei-Lübbe den Roman nochmal als Einzelband aufgelegt, 2009 kam ein sehr schönes Hörspiel heraus.

 

Der Mumienthriller »Die sieben Finger des Todes« (The Jewel of Seven Stars, 1904) diente als Vorlage für zahlreiche Mumienfilme, darunter die direkte (ziemlich miese) Verfilmung »Bram Stokerís Legend of the Mummy« (USA 1997), aber auch für das hervorragende Hörspiel »Das Amulett der Mumie« von Titania-Medien (2004). Drei von Stokers Kurzgeschichten, darunter die an »Carmilla« angelehnte Story »Draculas Gast«, erschienen 2005 auch als Hörbuch.

 

LITERATUR:

Kerner, Charlotte (Hrsg.): Die fantastischen 6. Die Lebensgeschichten von Stephen King, Philip K. Dick, Stanislaw Lem, J.R.R.Tolkien, Bram Stoker, Mary Shelley – Weinheim: Beltz & Gelberg, 2010
darin: Seidel, Jürgen: Dracula. Bram Stoker machte einen Unsterblichen unsterblich

Edelmaier, Hans: Dracula. Der Wojwode der Walachei Vlad III. Zepesch ca. 1430 – 1476. Staatsmann – Feldherr – Medienopfer. Salzburg: Österreichischer Milizverlag 2014

Ralf-Peter MÄRTIN: Dracula – Das Leben des Fürsten Vlad Țepeș – Frankfurt/M. [3]1993 ([1]Berlin 1980)