Politische Aspekte

Schon früh wurde der Vampirismus auch politisch verstanden, über Voltaire und Marx bis heute. Immer wieder findet sich das Bild in politischen Essays oder Karikaturen. Und im Februar 1999 demonstrierten thailändische Umweltschützer in Bangkog vor der US-Botschaft gegen einen Film mit Plakaten des Hauptdarstellers Leonardo diCaprio – den sie als Vampir dargestellt hatten.


VOLTAIRE, eigentlich François-Marie Arouet (1694 – 1778), französischer Schriftsteller und Philosoph, bedeutendster Vertreter und Führer der europäischen Aufklärung, war meines Wissens der erste, der in Europa das Bild des Vampirs in der Politik verwandte; er äußerte sich um 1770, als sich der Glaube an Vampire in ganz Europa verbreitete:


»Ich gestehe, dass es ... Börsenspekulanten, Händler, Geschäftsleute gibt, die eine Menge Blut aus dem Volk heraussaugen, aber diese Herren sind überhaupt nicht tot, allerdings ziemlich angefault. Diese wahren Sauger wohnen nicht auf Friedhöfen, sondern in wesentlich angenehmeren Palästen.«
1772. übersetzt nach der Ausgabe des »Dictionaire Philosophique«. Kehl 1785, von Klaus Völker, zitiert nach: Sturm/Völker, Von denen Vampiren, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1994, S. 482

»Ces vampires étaient des morts qui sortaient la nuit de leurs cimetières pour venir sucer le sang des vivants, soit à la gorge ou au ventre, après quoi ils allaient se remettre dans leurs fosses. Les vivants sucés maigrissaient, pâlissaient, tombaient en consomption ; et les morts engraissaient, prenaient des couleurs vermeilles, étaient tout à fait appétissants. C’était en Pologne, en Hongrie, en Silésie, en Moravie, en Autriche, en Lorraine, que les morts faisaient cette bonne chère. On n’entendait point parler de vampires à Londres, ni même à Paris. J’avoue que dans ces deux villes il y eut des agioteurs, des traitants, des gens d’affaires, qui sucèrent en plein jour le sang du peuple ; mais ils n’étaient point morts, quoique corrompus. Ces suceurs véritables ne demeuraient pas dans des cimetières, mais dans des palais fort agréables.«
geschrieben für die Ergänzung »Questions sur l’Encyclopédie, neuvième partie«, 1772; veröffentlicht in »Dictionaire Philosophique«, Kehl 1785; nach der Ausgabe der éd. Garnier Frères (1878)

Karl Marx:
»Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.« 
ausführlicher:
»Der Kapitalist ist nur personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalseele. Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb, sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Teil, den Produktionsmitteln, die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen. Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie da-von einsaugt.«
Marx, Karl und Friedrich Engels: Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Band 23: Das Kapital Band 1, Berlin: Dietz-Verlag, 1962, S. 247

Marx sieht das Kapital, das der »toten Gegenständlichkeit lebendige Arbeitskraft einverleibt« und so »vergangene vergegenständlichte tote Arbeit in Kapital« verwandelt, als »beseeltes Ungeheuer« (aao. S. 209), das der Proletarier »Blut und Lebenssaft braucht … zu seinem eigenen Leben« in einem »ununterbrochene(n) Opferfest der Arbeiterklasse« (aao S. 511).

Im Katalog eines entwicklungspolitischen Verlages schreibt ein Autor über Ghana:
»The state acts like a vampire, destroying local structures and initiatives, and replacing them by huge parastatal organizations managed by bureaucrats.«
Dr. Steve Tonah im Klappentext seines Buches The Development of Agropastoral Households in Northern Ghana (Bielefelder Studien Nr. 56): Verlag für Entwicklungspolitik Saarbrücken, 1993

Im Theaterstück »Carmilla« kommentiert ein moderner Arzt:
»Die Vampire von heute sind Politiker, Industriebosse - das sind die wahren Blutsauger. [...] Unsere westliche Gesellschaft kann doch nur existieren, weil wir die sogenannte Dritte Welt regelrecht aussaugen. Und mit den Ländern im Osten machen wir’s jetzt genauso – die kriegen vom Kapitalismus den schlechtesten Teil.«
Friedhelm und Ulrike Schneidewind, 1994

Im Musical »Tanz der Vampire« von Roman Polanski singt der Wirt Chagall, nachdem er Vampir geworden ist:
»Jeder saugt jeden aus, das ist das Gesetz dieser Welt.
Jeder nimmt sich von jedem, das, was ihm nützt und gefällt.
Wenn es kein Blut ist,ist es Liebe oder Geld.«
Michael Kunze, 1997

1998 vermerkt Norbert Borrmann in seinem höchst empfehlenswerten Buch »Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit« (S. 13):
»Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch kann das Wort auf jede Form von parasitärer und raubtierhafter Existenz hinweisen, gleichgültig ob damit ein widernatürlich weiterlebender Untoter gemeint ist oder ein äußerst diesseitiges und vitales Ausbeuternaturell.«

Und in der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) vom 13.04.1999 heißt es in einer Buchbesprechung:
»Bei aller Kritik an der serbischen Seite sehen die Autoren allerdings die Verantwortung für die kriegerische Auflösung Jugoslawiens keineswegs nur hier – sie wehren sich allgemein gegen die Erhebung des Nationalen zum obersten Prinzip. [...] Da der einzige von der Verfassung zugestandene Pluralismus der ethnische gewesen sei, hätten sich die Völker Jugoslawiens nach dem Tod Titos in kollektive ›Vampire‹ verwandelt, die über den gemeinsamen Staat herfielen.«
Klaus Buchenau über das Buch »Serbien Weg in den Krieg«, hrsg. von Thomas Bremer, Nebojsa Popov, Heinz-Günther Stobbe, Berlin 1998