Zur Startseite Vampyrjournal

Hilfe  
er will mich fressen!

Uwe Ochsenknecht als Dracula-Verschnitt der dümmlichen Sorte

 






Zwei Millionen Mark kostete die Produktion des Musicals DRACULA nach dem Buch von Bram Stoker (1897). Angekündigt war es als »Musical der Superlative«: Ein 22 Meter hohes Bühnenschloß, Fledermausflügel mit 40 Metern Spannweite als Projektionsfläche, ein 70köpfiges Orchester und bis zu 90 Darsteller, Musik von Bach bis Pop – Produzent Franz Abraham versprach (allzu)viel, bis hin zu einer »seriösen Verbindung von High-Tech-Elementen und sensiblen Szenen«. Herausgekommen ist ein gigantisches Spektakel – hauptsächlich komisch. 

Als Event war das Ganze ja wahrscheinlich ein Erfolg, ob nun auf dem Münchner Königsplatz, wo ich das Spektakel im Juni 1998 »genießen« durfte (obere 3 Fotos) oder in Wien, Hannover oder den anderen wohl hauptsächlich nach Zahlungskräftigkeit des Publikums ausgewählten Städten. Denn bei Preisen von 50 bis 250 Mark pro Karte können sich wohl kaum Familien mit Kindern diesen »Kunstgenuß« leisten – und das wären wohl die, die es am ehesten goutieren könnten.

Die ganze teure Bühnentechnik, das vom einstigen Karajan-Chefausstatter Günther Schneider-Siemssen konzipierte Bühnenbild (mit Handlung auf drei Ebenen im Turm),  die Nebel- und Feuereffekte, die Massenszenen mit dem Brünner Theater – sie kommen kaum zur Wirkung; auch die Idee, Teile der Handlung auf einem Video-Bildschirm zu zeigen, damit auch Leute, die weiter weg sitzen, was mitbekommen von der Handlung, hilft da nicht viel weiter, zumal die Kameraführung oft dilletantisch war oder Dinge eingespielt wurden, die hinter der Bühne oder gar nicht stattfanden.

Appropos Handlung: Diese orientiert sich mehr an Coppolas »Dracula« als an Bram Stokers Roman, und dazwischen wird noch fleißig bei »Nosferatu« geklaut und bei Jules Vernes »Kapitän Nemo« – wenn Dracula Bachs Toccata d-moll auf der Orgel spielt (oder Ochsenknecht eher schlecht als recht so tut).

Natürlich wurden auch die Schwächen der Coppola-Inszenierung übernommen. WIe ich dort schon schreibe, stimmt bei der angeblichen Geschichte von Vlad Țepeș am Anfang fast nichts; auch hier hätte man besser einen Fantasy-Fürsten gewählt. So wurde Țepeș erste Frau wahrscheinlich von ihm ermordet, und während seiner jahrelangen Gefangenschaft in Ungarn konvertierte er zum Katholizismus, um eine Verwandte des ungarischen Königs zur zweiten Frau nehmen zu können. Das Gottesbild ist so widersprüchlich wie bei Coppola (am Anfang der rächend-blutige Gott, am Schluß der Gott der Vergebung) – und da man das Erlösungsmotiv aus »Nosferatu« übernommen hat, paßt dann gar nichts mehr. 

Wo aber Coppolas Film wenigstens noch mit hervorragenden Schauspielerleistungen und einer zumindest bombastischen Musik sowie tollen Bildern fesseln  kann, mangelt es hier an fast allem. Ochsenknecht, mit einem aufgesetzten und lächerlichen Akzent, kann zu keinem Zeitpunkt überzeugen (geschweige denn sonderlich singen), die anderen DarstellerInnen sind außer Yamil Borges als Mina (Foto unten) und Fred Elsner als Jonathan ebenfalls enttäuschend. Diese beiden sind   zumindest sängerisch die Höhepunkte.

Die Ballett- und Massenszenen könnten aus einem Schultheater stammen, die Fechtszenen liefert jede Mittelalter-Schaukampftruppe besser, und wenn die als Wölfe verkleideten Tschechen am Publikum vorbeitraben, verabschiedet sich jeder eventuell noch vorhandene Ernst endgültig.

Leider können sich die Macher aber nicht entscheiden, ob sie nun Kindertheater, Comedy oder Tragödie machen, und so kommt  auch die Musik von Dirigent Walter Haupt daher. Da wabert und donnert es, aber leider wird es nie richtig melodisch, es gibt viel Krach und Getöse, aber wenig Einprägsames. Die »Folklore« paßt nirgendwohin, und die »Liebeslieder« sind nicht mal richtig schwülstig. Die SängerInnen können einem leid tun (die musikalischen Menschen im Publikum auch).

Ich habe für die Pressekarten nichts zahlen müssen, sonst hätte ich mich richtig geärgert. So habe ich mich nach den ersten Minuten köstlich amüsiert  über so viel Unsinn und das Ganze nicht mehr ernst genommen (im Gegensatz zu den Veranstaltern, die tun, als böten sie hohe Kultur). Und es war richtig spannend, darauf zu warten, was noch alles kommt. 

Wenn man die Karten geschenkt bekommt und sich auf einen wahrhaft comedymäßigen Vampirabend einlassen will, kann ich diesen Dracula empfehlen – ansonsten sollte man das Geld investieren in eine Reise nach Wien zum »Tanz der Vampire« – der lohnt sich wirklich!

 

Zur Startseite des Vampyrjournals