Geschichte und Mythologie

Zwei uralte, weltweit verbreitete mythologische Stränge fließen im 17. Jahrhundert in Osteuropa zum Mythos des Vampirs zusammen: der des Wiedergängers und der des Blutsaugers.

Der »klassische« Vampir, der »Tote, der sich aus seinem Grab erhebt, um Lebenden Blut auszusaugen« – so die in der Volkskunde übliche Definitionist ursprünglich wohl in Bulgarien und dem Gebiet des heutigen Rumänien beheimatet, auch wenn es Vorfahren auch anderswo und erheblich früher gab (siehe auch Lilith).

Der Vampirglaube ist dort seit Jahrhunderten und bis in unsere Zeit verbreitet. So grub man dort vor 200 Jahren die Leichen von Kindern nach drei, die junger Leute nach fünf und alle anderen nach sieben Jahren wieder aus, um zu schauen, ob sie sich in Vampire verwandelt hatten. Waren die Leichen nicht vollständig verwest, wurden sie einem der zahlreichen »Reinigungsverfahren« unterzogen. Noch 1920 soll es in der Bukowina zu zahlreichen Leichenausgrabungen gekommen sein. Die Angst vor den »Untoten«, den »Wiedergängern«, war groß – und ist es wohl in manchen Schichten noch heute.

Wir sollten darauf nicht hinabschauen – im 19. Jahrhundert gab es in Preußen Prozesse gegen Leute, die aus Vampirfurcht Leichen ausgegraben und geköpft hatten, und für 1913 ist ein solcher Fall in Sensberg belegt. In Rumänien glauben heute immer noch große Teile der Bevölkerung an Vampire. Eine junge Frau erzählte mir 1993 in Sibiu, dass sich noch 1985 ihre Mutter die Gelbsucht geholt habe - beim Waschen einer Leiche, die ausgegraben worden war, um zu schauen, ob sie sich in einen Vampir verwandelt hatte!

Für das Entstehen des Vampir-Mythos gibt es zahllose Ursachen, sowohl natürlich-medizinisch als auch mythologisch begründete. Besonders interessant ist das Verbreiten einer regional begrenzten Form, des serbischen »Vampyrs«, ab 1725 durch ein modern anmutendes Zusammenwirken von Politik, Medizin und Publizismus, das letztlich zum heutigen Bild desVampirs führte – näheres ist ausgeführt bei den Biologisch-medizinischen Ursachen.

Es gab nicht nur viele Vorfahren und Verwandte des Vampirs; auch über den »klassischen« Vampir waren die Vorstellungen und Regeln schon immer sehr unterschiedlich und wurden in den modernen Ausarbeitungen des Mythos, in Literatur und Film, noch sehr viel mehr verändert – eine schöne Zusammenstellung findet sich in den Regeln für das Live-Rollenspiel.

Hier einige der im Volksglauben zu findenden Vorstellungen: Der Vampir liegt tagsüber mit offenen Augen im Sarg, manchmal auch komplett in Blut eingetaucht. Er kann sich verwandeln in verschiedene Tiere und in Nebel – ja sogar in einen Heuschober. Er kann an senkrechten Wänden klettern, fliegen, auf den Strahlen des Mondlichtes reisen... Manchmal ist seine Stärke von den Mondphasen abhängig, hat er kein Spiegelbild, wird er von Sonnenlicht oder Wasser zerstört, kann kein fließendes Wasser überqueren und keine Nahrung zu sich nehmen... Oft wird ihm nachgesagt, er könne Menschen bezaubern und beherrschen.

Nicht selten ist der Mythos des Vampirs mit dem des Gestaltwandlers verbunden, wie etwa bei den Lamien und bis zu Dracula, der sich in eine Fledermaus, einen Wolf oder sogar Nebel verwandeln kann. In Osteuropa gibt es die Legende, dass ein Werwolf, wenn er in tierischer Gestalt getötet wird, als Vampir wiederkehrt.

Auch die Vorstellungen über Abwehrmaßnahmen sind sehr unterschiedlich.
Menschen, die die Legende vom Vampir stark geprägt haben, waren Vlad Țepeș, Elisabeth Báthory und Gilles de Rais.


Besonders empfehlenswerte Literatur:
Dieter STURM, Klaus VÖLKER (Hrsg.): Von denen Vampyren oder Menschensaugern – München 1968, Stuttgart 1994 und Wiesbaden 2006 (AREA)
Friedhelm SCHNEIDEWIND: Das Lexikon rund ums Blut – Berlin 1999