VAMPIR-LEXIKON
Auszüge aus dem 1996 erschienenen »VAMPIR-LEXIKON - Die Autoren des Schreckens und ihre blutsaugerischen Kreaturen – 200 Jahre Vampire in der Literatur« von Erwin Jänsch, SoSo-Verlag, Augsburg, 370 Seiten
Strieber, Whitley: Vampir-Liebhaber

Strobl, Karl Hans: Vampirin in der Luxus-Krypta

Sturgeon, Theodore: Vampir auf der Psychiater-Couch

Sullivan, Tim: Vampir in Pfaffenkutte

Summers, Montague: Der Vampir von Hannover


Strieber, Whitley: Vampir-Liebhaber

»Whitley Strieber ist wohl der originellste Vertreter der neuen Horror-Autoren«, lobt Autor Peter Straub seinen Grusel-Kollegen. Strieber (geboren 1945 in San Antonio, Texas) verfasste zu Beginn seiner literarischen Laufbahn einige interessante Horror-Romane wie Im Schatten des großen Wolfs (Wolf of Shadows), Katzenmagie (Cat Magic), Die Kirche der Nacht (The Night Church), Wolfsbrut (The Wolfen) und Der Kuss des Todes (The Hunger), [verfilmt mit David Bowie und Catherine Deneuve als »Begierde«, FS], die spannend das Thema Paranoia in modernen großstädtischen Gesellschaften verarbeiten.

Neuere Bücher des Amerikaners sind dagegen mit Vorsicht zu genießen; Strieber behauptet nämlich, er sei von außerirdischen Wesen entführt worden, eine Geschichte, die er dann auch flugs in zwei Romanen und in dem Drehbuch für den Film Die Besucher zum besten gab.

In Striebers Vampir-Roman Der Kuss des Todes aus dem Jahre 1981 hat der Leser das zweifelhafte Vergnügen, das Treiben einer steinalten Blutsaugerin quer durch die verschiedensten Menschheits-Epochen mitzuverfolgen. Das untote Wesen stammt aus dem Ägypten der Pharaonen und frönt mit gleichbleibender Begeisterung im alten Rom, im feudalen England und im modernen New York seinem unreinen Blutdurst. Zu ihrer Verwunderung sieht sich die Vampir-Lady (das alte Reptil hat mindestens schon 5000 Jahre auf dem Buckel) mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre »Lebensgefährten«, die sie durch den Vampirkuß ebenfalls in Untote verwandelt hat, schon nach kaum 200 Jahren endgültig das Zeitliche segnen. Das unreine Wesen macht sich in Striebers Roman auf die Socken, um das Rätsel des frühzeitigen Todes seiner Vampir-Liebhaber zu lösen.

Der Kuss des Todes ist recht apart gemacht, kann aber vergleichbaren Romanen wie Stephen Kings Brennen muss Salem aus dem Jahre 1975 oder dem ein Jahr nach Striebers Vampir-Roman erschienenen Fiebertraum von George R.R. Martin nicht das Wasser reichen. 


Strobl, Karl Hans: Vampirin in der Luxus-Krypta

Der Österreicher Strobl (geboren 1877 in Iglau) zählt zusammen mit Gustav Meyrink und Hanns Heinz Ewers zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Phantastik des frühen 20. Jahrhunderts. »In manchen seiner gelungensten Erzählungen beweist er eine düstere Meisterschaft, die an E. A. Poe und E.T.A. Hoffmann erinnert.«

Verdienstvolles leistete Strobl als Herausgeber der legendären Zeitschrift Der Orchideengarten (1919-1921), die de facto noch vor den Magazinen in den USA die erste rein der phantastischen Literatur gewidmete Zeitschrift der Welt war. Wie sein Kollege Ewers ließ auch er sich im Dritten Reich vor den Karren der Nationalsozialisten spannen und verkam zum billigen Propagandaschreiber. Nach seinem Tode 1946 wurden seine Werke im größeren Umfang nicht mehr aufgelegt.

Strobls 1914 erschienene Erzählung Das Grabmal auf dem Père Lachaise berichtet aus den tagebuchartigen Aufzeichnungen des Naturwissenschaftlers Ernest, eines armen Privatgelehrten. Der spindeldürre Hungerleider verpflichtet sich, ein Jahr lang in dem Grabmal der am 13. März 1911 gestorbenen Anna Feodorowna Wassilska zu hausen, ohne mit einem Menschen zu sprechen oder die Marmor-Gruft zu verlassen. Als Lohn für sein Ausharren in der Luxus-Krypta wird ihm vertraglich die Summe von zweimal hunderttausend Franken zugesichert. Iwan, ein borstiger, pockennarbiger Tatar mit pustelnübersätem Gesicht ist der einzige Diener, der vom Dienstpersonal der Madame Wassilska übriggeblieben ist. Dieses groteske Scheusal karrt zweimal am Tage ein Wägelchen mit exquisiten Speisen heran, die der Grabmal-Bewohner freudig verzehrt.

Natürlich wüßte der Gruftie zu gerne, was der Zweck dieses seltsamen Vertrages sein mag, in den er eingewilligt hat. Hatte die Verstorbene vielleicht einfach Angst vor dem Lebendigbegrabenwerden? Oder die Besorgnis vor Leichendieben? Hatte sie vielleicht jene zweimal hunderttausend Franken nur zu dem Zweck ausgesetzt, um die Vorfreude an der Qual des Bewerbers zu haben, um die Vorstellung genießen zu können, wie der in dieses Grabmal Gebannte durch alle Ängste und Schrecknisse eines Friedhofs aufgerieben werden würde? Der Full-Time-Gruftler, von dem wir in der Erzählung nur den Vornamen Ernest erfahren, lässt sich das wenige, das er von der Toten weiß, durch den Kopf gehen. Er kennt ein Porträt, auf dem sie sich hüllenlos in der herbstlichen Schönheit einer Frau in den Fünfzigern räkelt. Der Kopf zeigt »kluge, kalte Augen unter prachtvoll geschwungenen Brauen, eine derbe russische Nase, einen vollen, üppigen Mund, dessen blutrote Lippen langsam von den starken, weißen Zähnen zurückzuweichen scheinen, während ein grausames und kühles Lächeln mehr zu ahnen ist, als sich wirklich ausdrückt. Die Finger sind so lang und laufen so spitz zu, und es liegt ein so merkwürdiger Schatten auf ihnen, dass sie beinahe aussehen wie Klauen.« Er erinnert sich auch der brutalen und tatendurstigen Bedürfnisse der Madame Wassilska. Wie Katharina der Zweiten führte man ihr junge Männer zu. Ihre Bälle sollen die reinsten Orgien gewesen sein. Andere ihrer Hobbies bestanden darin, die Kammerzofen mit langen Nadeln ins Fleisch zu piksen und den Bäckerlehrling in den Hals zu beißen. »Dies also ist das Porträt meiner Wohltäterin«, sinnierte der Gruft-Mann.

Durch den Genuß der raffiniert zubereiteten Speisen wird er immer fetter und fetter. Es gelingt ihm nicht mehr, seinen aufgedunsenen Körper durch den schmalen Spalt, der die Tür des Grabmals bildet, zu zwängen. Als ihn seine unglückliche Freundin Margot besucht und ihn tränenreich bittet, endlich diesen Unsinn aufzugeben und sein Gefängnis zu verlassen, winkt er ihr wortlos mit beiden Händen, sich zu entfernen, und kehrt ihr den Rücken zu. Danach schläft er wie eine Ratte. Beim Erwachen fällt sein Blick auf eine kleine eingetrocknete Blutkruste oberhalb des Handgelenkes. Auch am Hals findet er eine ähnliche Wunde, als sei er dort gebissen worden. »Und die Wunden heilen nicht zu... es werden abscheuliche Narben daraus, eitrige Pusteln... genauso wie die Pusteln Iwans.«

Jede Nacht erwacht er aus einem dumpfen Schlaf, in den er jetzt immer verfällt. »Und ich fühle, dass ich nicht allein bin. Jemand ist bei mir, hat sich über mich geworfen und küßt mich so schmerzhaft, dass es ist wie Bisse. In dem grünlichen Schimmer sehe ich eine Frau, ich fühle sie... ich erwidere die Küsse, ohne ein Wort zu sprechen... ich darf nicht sprechen, aber küssen darf ich. Und Margot preßt mich mit einer wütenden Kraft an sich, mit aller Kraft der Sehnsucht und Verzweiflung. Margot, wer sonst sollte es gewesen sein als Margot? Mein ganzer Körper ist mit Wunden bedeckt... mit Bisswunden, den Spuren der wilden Küsse. Ich wanke kraftlos herum, mein Fleisch ist wie blutleer... die Muskeln liegen schlaff und schwammig unter der welken Haut.« Doch bald begreift er, dass es nicht seine Freundin sein kann, die ihn jede Nacht besucht. »Ich werde hier in einem marmornen Gefängnis gemästet... ich werde gemästet... mein schwammiger, aufgetriebener Leib ist nur ein Behälter für recht viel Blut, die Gefäßwände müssen sich ausdehnen, um recht viel des Saftes aufnehmen zu können – für einen Vampir, der jede Nacht kommt, um sich satt zu trinken. Und meine Mannheit ist durch diese verbrecherisch gewürzten Speisen aufgestachelt, durch geheime Mittel aufgereizt. Sie trinkt meine Kraft fort, sie saugt mein Leben ein, und je mehr ich davon hergebe, desto voller und stärker wird der Balg des Vampirs.« Nun, da Ernest alles zu wissen glaubt, ist er vollkommen ruhig. In der Nacht lauert er dem unersättlichen Vampir-Weib auf. Er schlägt seine Hände in ihren Hals, seine Zähne packen ihre Gurgel... Blut füllt seinen Mund. »Es ist ja nur mein eigenes Blut, das ich zurücktrinke«, denkt er. Als der Morgen dämmert, versteht der vom Wahnsinn umzingelte nicht mehr, dass es sich bei dem Körper mit der durchbissenen Kehle, den er mit dem Fuße von sich stößt, um den Leichnam seiner Freundin Margot handelt. Das Mädchen hatte in jener Nacht einen erneuten Versuch unternommen, ihren Geliebten aus der unheilvollen Gruft zu befreien.

Strobls Grabmal ist eine der gelungensten Vampirgeschichten der deutschsprachigen Phantastik. Mit ähnlichen Texten aus dieser Zeit, zum Beispiel Bensons Mrs. Amworth oder Rays Friedhofswächter (der sowieso kräftig bei Strobl abgekupfert hat), kann sie durchaus mithalten. Strobls Madame Wassilska, »eine asiatische Tyrannin«, ist die zur Vampir-Vamp-Bestie mutierte »femme fatale«. Sie saugt ihrem Opfer das Blut aus und melkt ihm das Sperma ab.

»Der erotische weibliche Vampir ist ebenso Teil der klassischen Vampirlegende wie sein männliches Gegenstück. Die Vampir-Frau wird als wollüstig und ausschweifend, unwiderstehlich und herzlos grausam beschrieben. Wie der männliche Vampir hat sie volle rote Lippen. Vermutlich sind sie das Ergebnis des Blutsaugens, doch traditionsgemäß werden sie im Volksglauben auch als Zeichen übermäßiger Sinnlichkeit angesehen. Sogar die Mediziner machten, wenn sie von Sexualität sprachen, durchaus Anleihen beim Vampirismus. Sperma galt als eine noch konzentriertere Form der Lebensenergie als das Blut. Die Sexualität, die dem Mann das Sperma raubte, gefährdete somit seine Kraft. Die Frau war eine Krankheit zum Tode. Tatsächlich wurde der Vampir in Literatur und Malerei gegen Ende des 19. Jahrhunderts meistens weiblich dargestellt. Die Femme fatale oder der Vamp waren sexuell gierige, morbide, ausbeutende und männermordende Frauen. Die Hexe kehrte angesichts der unmenschlichen Idealbilder der keuschen, immer auf Anmut und Anstand bedachten, denaturierten Frau wieder« (Meurer).

Es gibt noch einen anderen Text von Strobl, in dem er das Vampirmotiv verwendet; es ist die 1909 entstandene Erzählung Das Aderlaßmännchen. Die Geschichte spielt »im heiligen römischen Reich«, zu einer Zeit, als sich die Mediziner im Interesse der anatomischen Wissenschaft noch mit Vorliebe auf nächtlichen Friedhöfen herumtrieben. Ein Eusebius Hofmayer genannter Doktor wird beim Schänden eines Grabes von einer seltsam anmutenden Figur überrascht. »Der fremde Herr lächelte freundlich, dass zwei Reihen von spitzen Zähnen wie Sägen zwischen die vorgezogenen Lippen kamen. Zwischen diesen Sägen und den beiden Augenlöchern, in denen kein Blick zu sein schien, saß die aufgestülpte Nase einer Fledermaus. Unter dem Schlafrock des Herrn schnarrte ein rostiges Uhrwerk. Und zu alledem fallen auf den Rücken zwei spitze, zackige Schatten, als ob dort Flügel an den Schultern säßen.« Der Fremde hievt den Sarg der kürzlich verstorbenen Jungfrau Veronika Huber aus dem Grab und deponiert den Leichnam in Hofmayers Sezierraum. Der Herr im Schlafrock verlangt von dem verdutzten Medicus eine Gegenleistung für seine Dienste. Hofmayer wird nämlich regelmäßig in das Frauenkloster der Stadt gerufen, um dort die frommen Schwestern zur Ader zu lassen. Der eigenartige Friedhofsgeselle will nun in Gestalt des Doktors dort hingehen und den Schwestern das Blut abziehen. Als Doppelgänger des Medicus Hofmayer beginnt er unter den Nonnen zu wüten.

»Blut gibt Macht über Blut, sagte der Doppelgänger, faßte die Schwester Thekla beim Halse und stieß seine eisernen Klauen spielend mit kurzem Druck in ihre Haut, dass kleine dünne Strahlen von Blut aus den Löchern spritzten. Sie schrie. Laut und grell und verzweifelt. Das Bild... das Bild! Der Heiland hing mit abgewendetem Antlitz an der Wand. Da fühlten die Schwestern, dass sie verlassen und einem anderen grausamen Herrn preisgegeben waren.« Die Klostervorsteherin Basilia und einige andere rennen zur Tür. »Aber die Türklinke bäumte sich der Vorsteherin entgegen und biß sie mit Natternzähnen in den Arm. Alle Schnörkel und Zierate sträubten Schlangenbuckel, erhoben kleine, rauchende Mäuler und zischten.« Die Schwestern, die zu den Fenstern fliehen und den Garten erreichen wollen, werden von der geronnenen, klebrigen Luft wie Fliegen festgehalten. »Der Saal war ein Gefängnis, in dem ein verruchter Wille das Leben vernichtete. Der furchtbar veränderte Eusebius Hofmayer verfolgte die irrsinnigen Bemühungen der Schwestern mit schmalen, über knirschenden Sägen hochgezogenen Lippen. Unter seinen spielenden Klauen verlängerte sich der Hals der geschäftigen Thekla. Bei einer boshaft kichernden Musik ordneten sich die Messer und Lanzetten auf dem Instrumententisch zu Paaren und schritten ein zierlich klingendes Menuett nach bester Ordnung.«

Der blutsaugerische Geselle verabschiedet sich aus der Erzählung. »Das Gebäude öffnete den Mund, um sein Geheimnis zu verraten, der Herr im Schlafrock kam hervor und ging langsam davon, indem er dem Volke zunickte. Auf dem kahlen Schädel zickzackten die Zeichnungen der Knochennähte, lederne Lefzen zogen sich von blanken Sägen zurück, und aus den Mundwinkeln rieselten zwei dünne, hellrote Blutstrahlen. Im Staube schleiften die Quasten des geblümten Schlafrockes nach und ließen rote, feuchte Furchen auf dem buckligen Pflaster der Straße.« Die Schwestern findet man »in ihren Sesseln zusammengeschrumpft, als Hüllen ihrer einstigen Leiblichkeit, Bündel von Häuten und Kleidern. Aus ihren Körpern war der Inhalt ausgesogen, und ohne eine Spur von vergossenem Blut war an ihnen ein furchtbarer Aderlaß vollzogen.«

Im Aderlaßmännchen, das wesentlich komplexer angelegt ist als das Grabmal auf dem Père Lachaise, klingen eine Unzahl von traditionellen Themen an. Die Geschichte beginnt an einem »klassischen« Ort der Horror-Literatur, auf einem Friedhof, der von Grabschändern heimgesucht wird, einer Szenerie, wie wir sie von Stevensons Der Leichenräuber (The Body Snatcher, 1884) kennen. Der blutsaugerische Geselle mit der üblen Visage erweckt den Eindruck einer Fledermaus. Strobl verbindet das Vampirische mit dem Automatenhaften, indem er mehrmals erwähnt, dass »unter dem Schlafrock ein rostiges Uhrwerk schnarre«. Auf die Vampirsage greift Strobl zurück, indem er den Fremden mit Zauberkräften den Sarg aus dem Grabe befördern lässt. Den Vampiren wird ja die Fähigkeit zugesprochen, ihr Grab nach Belieben öffnen zu können, ohne Spuren zu hinterlassen.

Ein weiteres Motiv, das Strobl verwendet, ist das des »bösen Doppelgängers«, ein Motiv, wie es sich in zahllosen Texten der phantastischen Literatur findet. »Der falsche Hofmayer ist von einer das Grauen verspottenden Possierlichkeit, die stellenweise an E.T.A. Hoffmann erinnert. Als die Nonnen flüchten wollen, bäumen sich ihnen die Türschnallen als zischende Schlangen entgegen; eine ähnliche Stelle findet sich in Hoffmanns Goldenem Topf« (Elis). 


Sturgeon, Theodore: Vampir auf der Psychiater-Couch

Der Amerikaner Theodore Sturgeon (1918 bis 1985) zählt nach Ansicht mancher Kritiker zu den bedeutendsten Kurzgeschichten-Autoren, die die Science Fiction hervorgebracht hat. Sein Roman More Than Human aus dem Jahre 1953 (deutscher Titel: Baby ist drei) gilt bis heute als einer der zehn berühmtesten Romane dieses Genres.

Sturgeon ist für die Entwicklung der Science Fiction ein ungemein wichtiger Autor. Neben Ray Bradbury gilt er als gefühlvollster Schriftsteller, der oft mit stilistischen Meisterleistungen aufwartete, sich manchmal aber auch am Rande der Sentimentalität bewegt. Bei ihm steht ausschließlich der Mensch im Mittelpunkt der Erzählung, die oft von Liebe und Toleranz gegenüber Andersartigen handelt. Dabei setzt Sturgeon seine Hoffnung ganz auf Kinder und Jugendliche, die allein in der Lage sind, überkommene Vorstellungen abzustreifen und die Welt zu verändern.

Theodore Sturgeon hatte aber auch einen Hang zu Fantasy- und Gruselstücken. Im Jahre 1961 schrieb er den kurzen Vampir-Roman Blutige Küsse (Some of Your Blood).

Schon der Titel verrät, was den Leser hier erwartet: einen jener herrlich schauerlichen, gänsehauterregenden Kopfkissen- und Kaminabend-Lektüren. Der bemerkenswerte Held dieses Vampir-Thrillers empfindet von Zeit zu Zeit Appetit auf etwas, was schon Graf Dracula dereinst reizvoll erschien. George, als Kind unserer Tage, allerdings landet mit seinem äußerst komischen Verhalten bald auf der Couch eines verständnisvollen Psychiaters... 


Sullivan, Tim: Vampir in Pfaffenkutte

Der Autor stammt aus dem grünen Maine in Neuengland. Nach einer Odyssee durch die Staaten, die in seinen Stories ihren Niederschlag findet, hat er sich im sonnigen Florida angesiedelt. Sein höchst merkwürdiges Hobby: Joggingläufe um drei Uhr früh. Wenn man Sullivans Erzählung Los Ninos de la Noche (1991) Glauben schenkt, dann scheint es in Hollywood von Vampiren zu wimmeln. Einer von ihnen verbirgt schlau seine Blutrünstigkeit unter der Pfarrerkutte. Horrorspektakel mit Sexeinlagen. 

Summers, Montague: Der Vampir von Hannover

Der Engländer Montague Summers (1880 bis 1948) war ein homosexueller Gelehrter, der von sich behauptete, ein katholischer Priester zu sein. Er gehörte zu den größten Kennern der älteren phantastischen Literatur. Gründlich dokumentierte er das Genre der »gothic novel« (The Gothic Quest, 1938, A Bibliography of the Gothic Novel, 1940). Hexerei und Dämonologie waren weitere Bereiche, in denen Reverend Summers sich auskannte (The History of Demonology, 1926). Er schrieb ein Buch über den Werwolf (The Werewolf, 1933) und verfasste zwei Studien zum Vampir (The Vampire, His Kith und Kin, 1928; The Vampire in Europe).

Bei Summers kurzem Text Fritz Haarmann – Der Vampir von Hannover handelt es sich um einen Bericht über den homosexuellen Massenmörder Fritz Haarmann, der in den Jahren nach dem I. Weltkrieg in Hannover 27 bestialische Morde oder mehr verübt hatte. Seine Opfer waren männliche Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren, denen Haarmann nach Art eines Vampirs einen tödlichen Biss zufügte. Das Fleisch der Ermordeten soll er selbst aufgegessen, für den menschlichen Verzehr verkauft oder zu Würstchen verarbeitet haben. Haarmann wurde zum Tode durch Enthauptung verurteilt, ein Urteil, das man mit einem schweren Säbel vollstreckte.

»Das ist wahrscheinlich einer der außergewöhnlichsten Fälle von Vampirismus, die je bekannt wurden«, schreibt Montague Summers. »Der blutrünstige Erotismus, der tödliche Biss in den Hals sind typisch für den Vampir, und vielleicht war es mehr als bloßer Zufall, dass die Hinrichtungsart im Abtrennen des Kopfes vom Rumpf bestand, gehörte dies doch zu den wirksamsten Methoden, einen Vampir zu vernichten. Im allgemeinen, heutigen Wortsinn war Haarmann zweifellos in jeder Hinsicht ein Vampir.«

[Anmerkung: Mehr über »lebende Vampire«, so der Fachausdruck in der Sexualpathologie für Menschen, die an Hämatodipsie leiden und zu denen Hartmann gehörte, findet sich im entsprechenden Artikel im Vampyr-ABC.]