Große
DRACULA-Fete in Los Angeles
»Keine Särge
in der Nähe, in denen sich die Blutsauger hätten verbergen können,
aber dafür auch kein Knoblauch oder Kruzifix zur Abschreckung. Aber
welcher Vampir hätte sich an diesem Festtag der lebenden Toten schon
verkriechen oder vertreiben lassen wollen? Erst recht nicht angesichts
der zahlreichen schlanken weißen Hälse von jungen Schönen
mit frischem Blut in der Schlagader.«
So kommentierte dpa das Festival
»DRACULA 97«, das Mitte August in Los Angeles stattfand, der
selbsternannten »Welthauptstadt« der Vampire. Meiner Auffassung
nach muss sich LA um diesen Titel allerdings wohl mit New Orleans
streiten, zumindest wenn man die Anzahl der dort ansässigen bekannten
AutorInnen berücksichtigt...
»A Centennial Celebration«
hatten die Veranstalter das Festival genannt, mit dem das hundertjährige
Jubiläum der Veröffentlichung von Bram
Stokers »Dracula« gefeiert wurde. Die Veranstalter, das
waren die »Transylvanische Dracula-Gesellschaft« bzw. ihr amerikanischer
Ableger (der Hauptsitz ist, wie könnte es anders sein, in Rumänien,
in Bukarest), und der New Yorker »Graf Dracula Fan Club«, der
mit ca. 3 000 Mitglieder der größte Vampir-Verein der Welt sein
dürfte.
Von der Größe her war
das Festival allerdings gar nicht so außergewöhnlich – nach
Angaben der Veranstalter versammelten sich in den vier Tagen in Los Angeles
ca. 2 000 Gewandete, also weniger als ein Drittel der Menge, die in diesem
Jahr in Leipzig beim 6. Wave-Gotik-Treffen
war.
Es wurde sehr viel geboten, so ein
Maskenball bis zum Sonnenaufgang, ein viertägiges Non-Stop-Kino-Festival
mit neuen und alten Dracula-Filmen und viele neue Bücher. Roter Vampir-Wein
(ähnlich unseren »Blutproben«) gab es angeboten wie ein
Weinregal in Sargform, komplette Kostüme, die allseits beliebten Kontaktlinsen
und natürlich Vampirzähne.
Und neben Stars aus Vampir-Filmen
und zahlreichen bekannten und weniger bekannten SchriftstellerInnen waren
bedeutende Vampir-ForscherInnen und Gelehrte erschienen, um sich auf unterschiedlichstem
Niveau mit Dracula und dem Vampirismus auseinanderzusetzen – alleine rund
80 wissenschaftliche Papiere wurden vorgestellt, etwa zur Entstehung des
Romans DRACULA, zu Vlad Tepes oder
zu den mythologischen Hintergründen.
Natürlich fehlten viele, die
sich in Europa künstlerisch oder mythologisch mit dem Thema auseinandersetzen
- viele konnten sich den Flug und die Unterkunft einfach nicht leisten,
wie etwa der Autor dieser Zeilen. So war das große Jubiläumstreffen
in zweierlei Hinsicht beschränkt: in seiner – bewußten – Konzentration
auf den Roman und die Gestalt »Dracula« und seinen Schöpfer
und in seiner Konzentration auf die »Neue Welt«.
Dennoch dürfen die Forschgungsergebnisse,
die dort vorgestellt wurden, und die, die im Nachhinein noch zu erwarten
sind, von erheblicher Bedeutung für die Forschung über Vampire
und ihren Mythos sein.