Konzertkritik:
2. Studiokonzert des Saarländischen Rundfunks:
Sarband . Gothic Voices z
Saarbrücken, Stiftskirche St.
Arnual, 06.11.1998
von Andreas
Diesel, Neunkirchen
An einem kalten Novemberabend lud der Saarländische Rundfunk zu seinem
zweiten Studiokonzert in die Stiftskirche zu St. Arnual. In angemessener
gotischer Umgebung stellte das Ensemble Sarband unter der Leitung
von Dr. Vladimir Ivanoff sein Programm »Fallen Women« vor,
das sich mit der Rolle von Frauen in der christlichen Liturgie des Abend-
und Morgenlandes beschäftigt.
Wer Sarband von Platten und Konzerten kennt, weiß, dass
die in großer Zahl erschienenen Besucher hier nicht mit einer jener
Mittelaltercombos rechnen konnten, die seit einiger Zeit an jeder Ecke
den Saltarello lustlos rauf- und runterspielen, sondern mit engagierten
Künstlern, die mit faszinierenden Konzepten an einem musikalischen
Brückenschlag zwischen den Traditionen von Orient und Okzident arbeiten,
ohne dass dabei zeitgeistiger Weltmusikbrei oder weichgespülte
Mönchschöre à la Enigma herauskämen. Quellen zu »Fallen
Women« waren die Werke von Komponistinnen wie Hildegard von Bingen
(1098 – 1179) und Kassia von Byzanz (810 – ?) sowie Stücke aus dem
kastilischen Codex Las Huelgas und der nur mündlich überlieferten
Tradition des sakralen Frauengesangs aus dem christlichen Libanon des frühen
Mittelalters.
Ivanoff, neben der musikalischen Leitung zuständig für Portativ,
Rahmentrommel und die arabische Laute Oud, wurde in St. Arnual unterstützt
von der Libanesin Fadia el-Hage (Gesang), Belinda Sykes aus London (Gesang
und Schalmei) und der Münchnerin Marianne Kirch (Gesang und Hackbrett).
Gänzlich schwebend kamen die stimmlichen Vorträge daher – ohne
Mikrophone, Verstärker oder sonstige neuzeitliche Hilfsmittel. Wie
auch auf CD begeisterte mich am meisten die überwältigende Sangeskunst
der el-Hage, die a capella in den Weiten der Kirche nichts von ihrer berückenden
Emotionalität verlor. Da Sarband auf dieser Tour nicht wie
auf Platte mit dem Osnabrücker Jugendchor arbeiten konnten, wurden
Stücke, die dieser auf CD singt (wie zum Beispiel das spätbyzantinische
»Alleluia«) einfach instrumental dargeboten. Und die Devise
»weniger ist mehr« wurde während des ganzen Auftritts
bestätigt: Durch minimalistische Orchestrierung wurde der essentielle
und intime Charakter der Kompositionen noch deutlicher. Rhythmisch durch
Ivanoffs Percussion akzentuiert gerieten die gräco-arabischen Tropen
»Kyrie Eleison« und »Inna Moussa« zu Höhepunkten
eines gelungenen Abends, der mit dem Abgang von Sarband noch nicht
sein Ende fand.
Danach bot das selten im Konzert auftretende englische Quartett Gothic
Voices ebenfalls Stücke von Hildegard sowie von anonymen englischen
und französischen Komponisten dar. Da diese einzig von vier Stimmen
(drei Tenören und einer Mezzosopranistin) aufgeführt wurden,
fehlte etwas der Facettenreichtum, den Sarband kultiviert hatte.
Nichtsdestotrotz wußten die Engländer durch die Harmonie der
Gesänge, verspielte Koloraturen und Melismen zu begeistern – und auch
durch das fast akzentfreie Latein, das ja bei Ensembles aus anglophonen
Ländern beileibe keine Regelerscheinung ist. Das Sahnehäubchen
kam dann zum Schluß: Nach frenetischem Applaus boten beide Ensembles
als mitreißende Zugabe gemeinsam »Salve Regina« dar.
Auch auf die Zukunft darf man mehr als gespannt sein, denn der äußerst
sympathische Dr. Ivanoff verriet mir nach dem Konzert, dass das nächste
Projekt von Sarband sich vermutlich mit italienischer und türkischer
Barockmusik befassen wird.
Andreas Diesel, 06.XI.1998