Konzertkritik: LACRIMOSA
+ Secret Discovery + Darkseed + The Gallery
Saarbrücken, Kulturfabrik, 24.04.97
von Andreas Diesel, Neunkirchen
Warum finden die meisten Konzerte der Sparten Gothic und Metal eigentlich
fast immer donnerstags statt? Wer Antwort weiß, wende sich bitte
vertrauensvoll an die Redaktion. Zu gewinnen gibt’s allerdings nichts...
Wie auch immer, an diesem Donnerstag war die Kulturfabrik nicht so
gut gefüllt wie bei Deine Lakaien, deren Status bei Gothics
als auch bei szenefremden Menschen sich Lacrimosa erst noch erarbeiten
müssen. Jedenfalls war das Publikum gut gemischt: Neben den erwarteten
Goths und Metalfans waren auch viele Normalos anwesend, die trotzdem (oder
gerade deswegen!) bei der Show die meiste Begeisterung zeigten.
Den Auftakt gaben zwei Bands, die von Thilo Wolffs Hall of Sermon-Label
vertrieben und vom Meister persönlich gefördert werden: The
Gallery und Darkseed. Erstere wußten von der Technik und
dem Material her zu überzeugen, doch der gewisse Funken sprang nicht
ganz über. Die Songs waren sich in ihrem Arrangement sehr ähnlich
(vor allem durch das ständige Duett von Sängerin und singendem
Gitarristen), und bisweilen hatte man das Gefühl, das alles schon
einmal gehört zu haben. Wenn sie allerdings etwas mehr Experimentierfreude
und Willen zur Eigenständigkeit entwickeln, könnten The Gallery
zu einer festen Größe im Goth-Metal-Bereich werden.
Bei Darkseed aus München sieht’s da etwas anders aus. Trotz
des Spitzen- und Freibeuterhemdenoutfit der Band hatte deren Musik weitaus
mehr mit Poltermetal a la Running Wild als mit Goth zu tun. Leicht
deplaziert wirkten auch die »Eins, zwei, drei – ab geht’s!«-Rufe
des Sängers, der mit pogomäßigen Sprüngen versuchte,
die seiner Meinung nach zu leblosen Zuschauer zu animieren.
Secret Discovery konnten dagegen auf eine durch ständiges
Touren (u. a. mit Rammstein, The Nefilim, Catastrophe
Ballet) und auf den Out of the Dark III – Festivals erspielte Fangemeinde
bauen. Technisch versiert gaben die Jungs um Sänger Kai Hoffmann Songs
von den letzten beiden Alben »A Question of Time« und »Slave»
(u. a. mit einer Coverversion des Grace Jones-Discoklassikers »Slave
to the Rhythm«!) zum Besten. Die Lightshow trug zur Atmosphäre
bei, und Hoffmann zeigte, wie ein guter Frontmann auf der Bühne agiert.
Nach längerer Umbauphase wurden Lacrimosa begeistert empfangen.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Bühnenaufbau und die Lightshow
mit Pyroelementen war zwar eindrucksvoll, doch nicht zwingend nötig,
da die Musik an diesem Abend für sich selbst sprach. Thilo Wolff (voc.,
keyb.) und Co. hatten die Menge bereits nach dem ersten Stück »Ich
bin der brennende Komet« in den Bann gezogen. Die Musiker agierten
sympathisch und selbstbewußt auf der Bühne, und Wolff zeigte
ungeahnte Talente als Frontmann. Man mag von seiner Musik und vor allem
seinen Texten halten, was man will – ich selbst zähle auch nicht zu
den größten Fans –, doch auf der Bühne gibt Wolff alles,
und man merkt die Ehrlichkeit und den starken emotionalen Bezug, den er
zu seiner Kunst hat. Einige Fans der alten Stunde sind sicher noch immer
vergrätzt, dass Lacrimosa sich seit »Inferno«
(1995) zu einer Metalband mit vielfältigen neoklassischen Elementen
entwickelt haben, doch gerade live zeigt sich, dass in alten Songs
wie »Tränen der Sehnsucht« und »Alles Lüge«
viel mehr Atmosphäre und Dramatik steckt, als die frühere Umsetzung
mit Synthies und Drumcomputern hergab. Anne Nurmi (keyb., voc.), die früher
bei den Finnen Two Witches tätig war und 1995 zu Lacrimosa
stieß, zeigte bei zwei Stücken ihre Qualitäten als Frontfrau
und Leadsängerin, auch wenn ihre Stimme im monumentalen Klangbild
von zwei Gitarren, Baß, Drums und Keyboard etwas unterging, was aber
sicherlich nicht an ihr lag. Ansonsten war der Sound nicht zu beanstanden,
druckvoll, ohne einem das Trommelfell zu zerfetzen. Die Gitarren kamen
glasklar herüber, das Schlagzeug war treibend, ohne zu scheppern.
Die Spielfreude der Band übertrug sich auf die Zuschauer; an diesem
Abend blieb nicht viel übrig vom Klischee(?) der auf Konzerten steif
herumstehenden Gothics. Sichtlich gerührt vom frenetischen Jubel gaben
Wolff, Nurmi und ihre Mannen drei Zugaben zum Besten, bevor sie ein aufgewühltes
und euphorisches Publikum zurückließen.
Fazit: Lacrimosa live sind ein größerer Genuß
als auf Platte; wer nicht dabei war, hat definitiv etwas verpaßt:
einen Höhepunkt deutschsprachiger Rockmusik.