DEM TOD INS GESICHT GESCHAUT:
K Ö R P E R W E L T E N
  Ein Bericht von Friedhelm Schneidewind
Nachdem sie am 13. Juni 2004 vorerst zum letzten Mal in Deutschland zu sehen war, hat Gunther von Hagen Deutschland verlassen.
Zumindest in absehbarer Zeit wird die Ausstellung danach nur noch in den USA zu sehen sein. Von Hagens begründete dies im März 2004 damit, dass immer neue Vorwürfe und Angriffe in Deutschland ihn zuviel Zeit und Kraft kosteten.
Seit der ersten Ausstellung in Mannheim 1997 haben sich bis Juni 2004 über 14 Millionen Menschen die plastinierten Körper angeschaut und die KÖRPERWELTEN zur weltweit erfolgreichsten Wanderausstellung gemacht.

Ein Team vom VAMPYRJOURNAL hatte die Ausstellung in Frankfurt besucht und zeigte hier lange Fotos der interessantesten Präparate. Aufgrund einer Vereinbarung mit dem Institut für Plastination  in Heidelberg haben wir die Bilder Ende 2004 wieder vom Netz genommen; aktuelle Blder und Informationen findet man jeweils auf den Internetseiten zur aktuellen Ausstellung.

Die Ausstellung KOERPERWELTEN war von Anfang an umstritten. Immer wieder werden Vorwürfe laut, es handele sich hierbei um eine Entehrung der Toten, eine Störung der Totenruhe, Geschäftemacherei auf Kosten missbrauchter Opfer oder gar eine Verschiebung und Gefährdung sittlicher/ethischer Maßstäbe.

Als religiöser Mensch mag man dies so sehen; es ist aber gut, dass unsere Gesellschaft frei genug ist, eine solche Ausstellung zuzulassen. Denn sie hat über den ästhetischen Reiz hinaus durchaus eine aufklärerische und bildende Funktion.
Nach der Auffassung der Macher, insbesondere des Leiters und Erfinders der Plastination, Gunther von Hagens, soll die Ausstellung »aufklären und vor allem dem medizinischen Laien die Möglichkeit eröffnen, den Körper und seine Funktionen besser zu verstehen. Sie will helfen, die Natürlichkeit unseres Körpers wieder ins Bewusstsein zu rufen und eine Vorstellung von der Individualität und anatomischen Schönheit des Körperinneren zu gewinnen.«
Nun könnte man einwenden, dies ließe sich auch mit Modellen erreichen. Die Ausstellungsmacher betonen jedoch:  »Die Echtheit der gezeigten Präparate ist für den Erkenntnisgewinn ganz wesentlich. Jeder Mensch ist einzigartig. Nicht nur in seinem sichtbaren Äußeren offenbart er seine Individualität, auch im Inneren gleicht kein Körper dem anderen. [...] Anhand von Modellen könnte diese anatomische Individualität niemals vermittelt werden, denn ein Modell ist Interpretation, ein Modell gleicht dem anderen und ist zudem meist vereinfacht. Die Echtheit der Präparate hingegen fasziniert und lässt den Betrachter das Wunderwerk Mensch erfahrbar machen.«
Ich bin nicht sicher, ob der Erkenntnisgewinn dadurch wirklich so groß ist. Mir scheint ein anderer Punkt erheblich bedeutender: Dadurch, dass es sich um echte, ehemals lebende Menschen handelt, gewinnt das Betrachten eine andere Qualität. Zwar vergisst man dies in der Regel im Lauf der Zeit (zumindest haben sich mir gegenüber so mehrere BesucherInnen geäußert), doch wird man immer wieder überraschend darauf gestoßen (etwa wenn man plötzlich eine Raucherlunge sieht), dass dies einmal lebende Menschen waren.
Vor allem aber haben mit dieser Ausstellung medizinische Laien die Möglichkeit, Dinge zu sehen, die sonst (fertigen oder angehenden) MedizinerInnen vorbehalten waren. Bereits Ende des 13. Jahrhunderts waren Leichenöffnungen im anatomischen Unterricht üblich, die erste gerichtsmedizinische Leichenöffnung wurde am 15. Februar 1302 in Bologna vorgenommen.
Seit Leonardo da Vinci (1452-1519), der erstmals das Körperinnere exakt und in den richtigen Proportionen einer breiteren Öffentlichkeit gegenüber darstellte, und Andreas Vesal (1514-1564) mit seinen öffentlichen Sektionen (Hauptwerk: De fabrica humai corporis, 1543) hat die Darstellung des menschlichen Körpers immer mehr an Genauigkeit und Bedeutung gewonnen. Sie blieb jedoch immer noch auf die medizinische Fachwelt beschränkt. Durch die Körperwelten-Ausstellung konnten und können nun zahlreiche Menschen unseren Körper in einer Genauigkeit warnehmen, die vorher unmöglich war.
Wer dies obszön oder verwerflich findet, möge dann bitte sehr auch alle Filme und Fensehserien verdammen, die den menschlichen Körper präsentieren, von ANATOMIE bis zur SCHWARZWALDKLINIK (und dies oft in verfälschter Form). Und wer sich daran stört, dass Leichen bzw. Plastinate in Aktion dargestellt werden, sollte die Tradition berücksichtigen: So etwas hat man schon vor Jahrhunderten getan.

Die Ausstellung KÖRPERWELTEN führt durchaus didaktisch geschickt aufgebaut durch eine Art dreidimensionales Lehrbuch, bei dem man sich vom Skelett des Menschen über das Zusammenwirken mit der Muskulatur, den Eingeweiden, speziellen Nerven- und
Gefäßpräparaten, bis hin zur Entwicklung des Menschen im Mutterleib ein Bild vom Aufbau des eigenen Innenlebens machen kann. Auch Präparate mit krankhaften Veränderungen werden gezeigt, wie etwa Raucherlungen oder Myome der Gebärmutter. Die Konfrontation mit einem nahen Verwandten, einem Gorilla, der bis Herbst 2003 im Zoo Hannover gelebt hatte, trug bis Ende Mai 2004 sehr zur Verdeutlichung bei. Dann wurde dieser leider aus der Schau genommen. Das Bundesamt für Naturschutz in Bonn hatte von Hagens darum gebeten, da eine Ausstellung eines geschützten Tieres nur erlaubt sei, »wenn dadurch den in freier Wildbahn lebenden Tieren geholfen wird«, etwa, indem man über deren Lebensraum informiere. Von Hagens sieht das zwar anders und wirft dem Bundesamt »fortgesetztes Behördenmobbing« vor, entfernte das Plastinat aber aus der Ausstellung, um eine Beschlagnahme zu verhindern. Aus meiner Sicht hat das Bundesamt hier kleinlich und nicht nachvollziehbar entschieden.

Das Institut für Plastination

sowie Erläuterungen zur Technik