Die Vampire lassen ihn nicht los: Mit »Andy Warhols Dracula« gelang ihm 1973 der Durchbruch, mit Keanu Reeves, dem Jonathan Harker aus Coppolas »Dracula«, stand er bereits mehrere Male vor der Kamera (1994 in »Johnny Mnemonic«), und in Saarbrücken traf er sich am Rande des Max Ophüls Festivals 1995, wo er sich als Mitglied der Jury mit dem deutschen Nachwuchsfilm auseinandersetzte, mit »Carmilla« Ulrike Schneidewind.
(Spätere Ergänzung: 1998 stand Udo in BLADE wieder als Vampir vor der Kamera, als Obervampir »Draculescu«).

Udo Kier ist, zumindest nach deutschen Maßstäben, ein Star, einer der wenigen deutschen Schauspieler, die es in Hollywood zu was gebracht haben; er arbeitet etwa mit Madonna oder mit Peter Gabriel zusammen. Im persönlichen Umgang ist er ausgesprochen liebenswürdig, wirkt keineswegs arrogant, eher bescheiden – oder kokettiert er damit? Auf jeden Fall macht es viel Spaß, sich mit ihm zu unterhalten.

Festivals wie das in Saarbrücken hält Udo für sinnvoll, um den Nachwuchs zu fördern. Erfreulich findet er die Entwicklung des deutschen Filmes nicht. Zwar gibt es einige positive Ausnahmen, doch insgesamt ist ihm zuviel Durchschnitt zu sehen, zuviel dem Fernsehen Angepaßtes, zuviel dem Zeitgeist Hinterherhechelndes. Was fehle, seien die Unangepaßten, die was riskieren – und dabei auch noch Qualität produzieren. Die Zukunft des deutschen Films sieht er mit Skepsis: »Wir haben halt keine Filmindustrie. Bei uns wird das Geld für die Filme von der Filmförderung oder dem Fernsehen gegeben, und dann wollen die mit reinreden, oder man muss sich das Geld zusammenbetteln, und dann spielen die Schauspieler vielleicht für eine symbolische Gage von einer Mark. Ein low- oder no-budget-Film ist reizvoll und interessant, aber mancher deutscher Kameramann würde sich freuen, mal eine Kamerafahrt professionell machen zu können statt im Einkaufswagen.«

Professionalität ist einer der Gründe, der Udo nach Amerika zog. Als Gus van Sant ihm die Chance bot, in den USA Fuß zu fassen, griff er zu. Doch damit hat er sich nicht von Deutschland verabschiedet – wie er in England, Österreich, Frankreich, Italien und Ungarn gelebt und gearbeitet hat, lebt und arbeitet er nun in Amerika. Und immer wieder dreht er auch in Deutschland; ihn reizen die unterschiedlichen Arbeitsweisen. Was dem deutschen Film fehle, sei aber die amerikanische Professionalität. Ob der amerikanische Film nun eine Seele habe oder nicht, darüber könne man streiten – er sei auf jeden Fall perfekt gemacht. Optimal sei eine Verbindung zwischen amerikanischer und europäischer Arbeitsweise. Nicht den amerikanischen Film zu kopieren sei der richtige Weg, wohl aber dessen Professionalität! Dazu gehöre auch eine anständige Förderung: lieber zu klotzen statt zu kleckern, von den vielen Talenten einige ausgewählte mit ein paar Millionen zu fördern statt ein paar Tausendern – ich muss an die Kamerafahrt im Einkaufswagen denken.

Udo machen solche Einkaufswagenfilme Spaß. Und gerne spielt er den Ausgeflippten, den Bösen, den Kranken, Figuren, die es in unserer gewöhnlichen Alltagswelt so nicht gibt. Oft hat er dabei improvisieren müssen mit einfachsten Mitteln; »Andy Warhols Dracula« wurde ohne Drehbuch gedreht, entstand von Tag zu Tag, und die herrlichen Kotzszenen, bei denen er das nicht jungfräuliche Blut ausspeit, spielte er ohne technische Hilfsmittel, mit heimlichen Nachtrinken aus dem versteckten Glas. Wenn Udo das erzählt, glaubt man gerne, dass er immer noch für solche Verrücktheiten zu haben ist. Nicht alle seiner Filme findet er inzwischen noch gelungen, doch zu seinem »Dracula« steht er. Seine Einschätzung, er sei der »echteste« Dracula gewesen, »Dracula pur«, kann ich zwar so nicht teilen, aber ganz sicher war er einer der interessantesten und überzeugendsten.

Immer war und auch heute noch ist Udo bei ausgefallenen Filmen dabei, drehte u.a. mit Faßbinder und Schlingensief. Nicht das Geldverdienen ist für ihn das Wesentliche beim Film; er will auch Spaß haben und sich ausleben, was unternehmen, Freunde finden, etwas, was ihm an amerikanischen Dreharbeiten fehlt, die eben meist »rein« professionell sind. Dies ist einer der Gründe, warum er immer wieder in Deutschland dreht. Aber am wichtigsten ist ihm natürlich das Spielen selbst.

Schauspieler ist Udo Kier, und Schauspieler möchte er bleiben. Regie zu führen, kann er sich hingegen nicht vorstellen. Als jemand, der absolute Kontrolle ebenso liebt wie absolute Freiheit, hat er Angst davor, zu einem diktatorischen Regisseur zu werden, der alles besser wissen und machen, alles unter Kontrolle haben will.

Bleibt zu hoffen, dass wir noch viele Filme mit Udo Kier sehen können – und dass wir ihn bald wieder in Saarbrücken begrüßen dürfen. Bis dahin: Alles Gute nach Los Angeles, Udo – und Gut Biss!


Erstveröffentlichung März 1995 in