Nächte mit Țepeș

von Silvia Keller


1. Februar 1996

Sie schlug die Augen auf und starrte ins Dunkel. Ein Schweißtropfen kullerte über ihre rechte Wange. Langsam zog sie den Arm unter der Bettdecke hervor und wischte sich über das nasse Gesicht. Schweißausbrüche mitten in der Nacht? Sicher hatte sie sich bei Carlos angesteckt, der sich schon seit zwei Wochen mit einer Erkältung plagte.

Sie drehte den Kopf in Richtung des Radioweckers: 0.59 Uhr. Die Leuchtziffern tauchten die unmittelbare Umgebung in diffuses Rotlicht. Ein Hauch kalter Luft strich über ihren Arm, ihr Gesicht, ließ sie frösteln. Hatte Carlos wieder vergessen, das gekippte Fenster zu schließen? Sie tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Das Licht flammte auf, gleichzeitig nahm sie eine schattenhafte Bewegung im linken Augenwinkel wahr. Ruckartig schleuderte sie den Kopf nach vorne. Ihre feuchten Haare flogen über’s Gesicht. – Nichts zu sehen. Ein Blick auf Carlos zeigte ihr die schwachen Umrisse seines Körpers unter der Bettdecke. Er schnarchte leise.

Sie sank ins Kissen zurück und kuschelte sich tief unter das Federbett. Licht aus. 1.02 Uhr. Angestrengt bemühte sie sich, ihren Traum zu erinnern. Ohne Erfolg. Nur zwei starke Eindrücke waren geblieben. Furcht und Sehnsucht. Sehnsucht? Obwohl sie sich an nichts mehr erinnerte, erschreckten sie die Nachwirkungen des Traumes. Am liebsten hätte sie das Licht brennen lassen, aber Carlos haßte beleuchtete Schlafzimmer, außer: Er wollte darin nicht schlafen.

Die Schattenbewegung hatte sie sich wohl eingebildet. Neben ihr schnarchte Carlos leise und gleichmäßig – einschläfernd. Draußen lugte der Vollmond hinter einer Wolke hervor. Er warf diffuses, gelbweißes Licht durch die Ritzen der Klappläden – und das geschlossene Fenster. 


1. Februar 1496

In dieser Nacht sehe ich Țepeș zum erstenmal. Sein Antlitz schimmert weiß im Vollmondleuchten, das die kahle Holzhütte erhellt. 

2. Februar 1996

Sie erwachte mit starken Kopf- und Halsschmerzen. Jetzt hatte sie sich wohl endgültig angesteckt. Sie hörte Carlos in der Küche hantieren, und ein schwacher Kaffeeduft zog ihr in die Nase. Sonntags machte er immer das Frühstück. Er, der Frühaufsteher, hatte mit morgendlichem Bettgeflüster nicht viel im Sinn. Genüßlich räkelte sie sich im warmen Bett, bis er rief: »Soara! Mein Liebes! Frühstück ist fertig!« Sie schwang ihre Beine über die Bettkante – und fiel ebenso schnell wieder zurück. Oh Gott, war ihr schwindlig! »Carlos ... », krächzte sie. Er hörte sie nicht, denn Freddie Mercury sang gerade in voller Lautstärke `What a beautiful day ... the sun is shining ... `. Sie schloß die Augen und dachte an nichts mehr.

Jemand schüttelte sie. »Soara, was ist los mit dir?« Sie schlug die Augen auf und sah in Carlos' besorgtes Gesicht. »Bist du krank, Liebes?« 


2. Februar 1496

Heute morgen fühle ich mich derart schwach, dass es meine Kräfte übersteigt, den klumpigen Strohsack, der mir und Johann als Nachtlager dient, zu verlassen. 

4. Februar 1996

Die Übelkeit und das Schwindelgefühl hatten sich aufgelöst - wie Frühnebel an einem sonnigen Tag. Die Blässe blieb. Hartnäckig. Mit Ausnahme zweier roter Pickel, die an ihrem Hals leuchteten. Wie gut, dass es Make-up gibt, dachte sie, während sie die beige-braune Maske mit einem feuchten Schwämmchen im Gesicht verteilte.

Gegen 12.30 Uhr traf sie sich mit Carlos bei »Toni«, in ihrer Lieblingspizzeria. Die rustikalen Holztische waren alle besetzt, wie immer um diese Zeit. Nur ein kleiner Tisch in der hintersten Fensternische war noch frei – sie hatte ihn gestern reserviert.

»Ganz so blaß, wie in den letzten Tagen, bist Du heute nicht mehr, Soara«, stellte Carlos fest. »Kein Wunder,« entgegnete sie, »mit zwei Pfund Make-up im Gesicht ..., aber ist schon wahr, ich fühle mich heute viel besser«, sagte sie lächelnd, »Und mein Appetit stellt sich auch langsam wieder ein.« Toni balancierte mit vorsichtigen Schritten gefüllte Teller durch das Lokal, den linken Arm von den Fingerspitzen bis zur Armbeuge beladen. Nach kurzer Zeit machte er auch vor ihrem Tisch halt. »Soara, Carlos ... die beiden Scharfen mit viel Knoblauch ... Guten Appetit!« Sie nickte ihm zu. »Danke, Toni.« Der würzige Pizzaduft stieg ihr in die Nase. Sie halbierte sie, schnitt ein kleines Stückchen ab und schob es mit der Gabel genußvoll in den Mund.

Zwei Sekunden später würgte sie. Und spuckte. Danach klebte das kleine Stückchen auf ihrer Lederhose. 


4. Februar 1496

Während dieses unwirtlichen Februartages kauere ich leichenblaß und würgend in einer feuchten Ecke unserer Hütte. Als Johann in der Dämmerung polternd eintritt, grölt er laut: »Weib!! Wo steckst du, Soara?!« 

5. Februar 1996

Carlos drängte sie, den Arzt aufzusuchen. »Bitte laß' dich gründlich untersuchen.« bat er sie. »Du weißt ja: Ich bin bald einige Tage in München.« Sie nickte ihm zu. »Ja, ich weiß.«

Er ließ sie vor der Arztpraxis aussteigen, winkte kurz und fuhr davon. Fünf Schritte bis zur weißen Eingangstür. Abrupt blieb sie stehen und schaute in die Richtung, in die Carlos davongefahren war.

Nie hatte sie einen derart starken Widerwillen empfunden, diese Tür vor sich zu öffnen.

Was stimmt mit mir nicht? dachte sie. Ich kann nicht hineingehen. Sie machte auf dem Absatz kehrt, hastete an zwei Häuserzeilen entlang und betrag ein kleines Café. Eines stand fest: Zum Arzt würde sie heute nicht gehen! Ihre feuchten Hände ballten sich zu Fäusten. In zwei Stunden würde sie Carlos anrufen und ihn bitten, sie abzuholen. Alles in Ordnung. Nur eine vorübergehende Formschwäche – nicht der Rede wert. 


5. Februar 1496

Heute schleiche ich zu der Hütte unter den drei Birken, am Ufer des großen Flusses. Dort haust die weise Frau: Tukea, mit den gesegneten Händen, die die Armen heilt. Tukea spricht zu mir: » Meine Tochter, dein Leiden vermag ich nicht zu heilen, doch höre meinen Rat: Verlasse die Deinen und ziehe von dannen ... weit ... weit!« 

8. Februar 1996

0.49 Uhr. Komm zu mir. Ich weiß, dass Du in der Nähe bist. Ich habe deinen Wunsch befolgt. Keine Hand hat mich berührt. Komm. Ich warte. Kalt. Meine Augen sehen. Ich erkenne Dich in der Dunkelheit. Du bist stark. Und weiß. Und schön. Ängstliche Sehnsucht. Du lächelst mich an. Mit rotem Mund und weißen Zähnen. Deine Augen leuchten limonengrün. Glasklare Kristalle. Komm endlich zu mir!

Er packte ihre Schulter und rüttelte sie. Atem auf ihrem Gesicht. »Soara! Wach auf!« »Carlos?« fragte sie erstaunt. »Ja ... Du hast fürchterlich gestöhnt. Wieder schlecht geträumt?« Sie öffnete langsam die Augen und schaute ihn an. »Ja ... Nein«, murmelte sie, »Ich weiß nicht.« Er wollte sie berühren. »Du bist ja völlig durchnäßt.« Sie zuckte zurück und sagte ärgerlich: »Schlaf weiter- es ist nichts ...« Sie schälte sich aus dem verschwitzten Federbett und tapste ins Badezimmer. Während sie auf der Toilette saß, wiederholte sie in Gedanken immer wieder die gleichen Worte: Dieser Mistkerl hat mich zum falschen Zeitpunkt geweckt ... dieser Mistkerl hat mich zum falschen Zeitpunkt geweckt ... Mistkerl? 


8. Februar 1496

Im Schutz der Dunkelheit folge ich Țepeș in die Berge. Johann soll in der Hölle braten! Ich werde meinen neuen Herren nie wieder verlassen! 

24. Februar 1996

Seit fünf Tagen war Carlos verreist. Seit fünf Tagen nahm sie keine Nahrung mehr zu sich. Jedenfalls nicht die übliche – nur zwei kleine Spinnen, eine fette Maus (die sie über eine Stunde im Keller gejagt hatte), und dann – gestern – den größten Bissen: Nala. Die zutrauliche, rot-weiß gefleckte Nachbarskatze. Ihre weiße Schwanzspitze lugte unter dem Deckel des überquellenden Mülleimers hervor.

Seit fünf Tagen blieben die Läden geschlossen. Seit fünf Tagen schlurfte sie rastlos durch die Zimmer und sehnte die Nächte herbei. Seit fünf Nächten starrte sie in limonengrüne Augen.

»Nala! Nala, mein Kätzchen, wo bist Du?! Miez, miez, miez, komm Nala! Nalaaaaa!« Die lockende Stimme ihres Nachbarn drang durch das geschlossene Schlafzimmerfenster. Sie kicherte leise vor sich hin, rollte sich aus dem zerwühlten Bett, öffnete das Fenster und drückte vorsichtig eine Hälfte des Holzladens nach außen. Schnell kniff sie die Augen zusammen. Das Tageslicht schmerzte.

Wieder hörte sie die Männerstimme: »Nala, miez, miez, miez ... wo steckst du denn nur?« Der alte Mann stand mit besorgtem Gesicht auf seiner Terrasse und rief ohne Unterbrechung nach der Katze. Er hatte Soara anscheinend gehört, denn plötzlich drehte er den Kopf in ihre Richtung und starrte sie entsetzt an. »Glotz' nicht so blöd, du alter Trottel!« schrie sie laut zu ihm hinüber und schlug krachend den Laden zu. 


24. Februar 1496

Țepeș und ich ernähren uns von wilden Katzen und Hunden. »Warte nur, Soara, warte nur noch eine kleine Weile, dann werde ich dir ein erleseneres Mahl kredenzen«, sagt Țepeș mit heiserer Stimme. Wir verstecken uns, wie jeden Tag, in einer dunklen Höhle oder im Schutze bizarrer Felsen. 

29. Februar 1996

Der Mann wird heute abend zurückkommen. Ich habe alles vorbereitet. Țepeș hat mir letzte Nacht dabei geholfen und mir gesagt, was ich zu tun habe. Er nannte mich »Seine Soara«.

Das Zimmer, in dem Sterbliche ihre Nahrung zu sich nehmen, verschloß ich. Der Duft darin würde ihn betäuben – » ... er würde ihn irritieren und von dir ablenken«, sagte Țepeș. Ich säuberte den Raum, in dem ich jetzt geduldig warte. Vorher habe ich mich darin wohler gefühlt- »... doch du darfst ihn nicht gleich mißtrauisch stimmen«, sagte Țepeș. Kerzen brennen. Sie spiegeln sich im Glas der Fenster und im Glas der Perlen, die mein karmesinrotes Gewand zieren.

23.55 Uhr. Ich höre Schritte auf der Flurtreppe. Der Mann ist zurück. Das geschmolzene Wachs der Kerzen sammelt sich in flachen Hügeln auf der Tischplatte. Ich höre ihn. Er stellt sein Gepäck ab. Er drückt die Türklinke des verschlossenen Raumes nach unten. Er ruft: »Soara, Liebes?! Warum ist die Küche abgesperrt?! Wo bist du?!«

Ich stehe auf und öffne langsam die Tür. »Guten Abend. Wie schön, dass du wieder da bist. Ich warte schon lange auf dich.« Der Mann schaut mich an und fragt: »Soara, wie siehst du aus? Was ...?« »Frage nicht. Trete ein. Ich werde dir alles erklären.«

Er schaut mich weiter mit erstauntem Blick an – aber bewegt sich keinen Schritt. Ich ergreife seine Hand, die zurückzuckt, als ich sie berühre – ziehe ihn sanft in den Raum, ins flimmernde Licht. 


29. Februar 1496

Johann hat uns aufgespürt. Mein Herr betäubte ihn mit einem Schlag. Jetzt liegt diese Kreatur vor mir auf einer Steinplatte, tief atmend. Ich höre Țepeș Stimme, leise, fordernd: »Soara, hier liegt dein erlesenes Mahl.« Seine weiße Hand zeigt auf das atmende Fleisch. Langsam knie ich nieder und beuge mich über den zuckenden Hals.

»Tu' es,« raunt Țepeș. ... Die dünne Haut über der pulsierenden Ader durchbohre ich schnell. Es geht leichter als bei Tieren.

Dann sauge ich ... sauge ... sauge ...


Königshäuser stürzen. Burgen und Schlösser zerfallen. Generationen sterben.

Țepeș sehe ich niemals wieder.


© Silvia Keller

Die Autorin stellte ihre Geschichte vor im Rahmen eines Leseabends
am 2. Dezember 1997 in Zweibrücken im Kulturkeller in de Maxstraße.

Kurze Biobibliografie:

Geboren 1961 in Zweibrücken, Gelernte Einzelhandelskauffrau, Studium von Literatur und Journalismus an der  Fernakademie Hamburg,
seit 1994 Mitglied der Zweibrücker AutorInnengruppe, 1997 erste veröffentlichte Kurzgeschichte (»Laura«)

1995 bis 1998 freie Mitarbeiterin bei der »Rheinpfalz«, 1997/98 Redakteurin der »Neuen Literarischen Pfalz«

Schriftstellerin und Lektorin, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Leitung von Schreibwerkstätten u. a. bei der VHS Zweibrücken

Mitglied der Südpfälzischen Kunstgilde Bad Bergzabern und im Literarischen Verein der Pfalz

Veröffentlichungen (Belletristik, Auszug):
Anthologie »Der Tag ist unbeschrieben«, Echo-Verlag Zweibrücken 1997
»Literatur-Kalender Rheinland-Pfalz 1999«, éditions trèves Trier 1998
»südpfälzische kunstgilde ... künstlerinnen und künstler«, analecta-Verlag Landau 1998
Anthologie »Fabrik«, K. F. Geißler Verlag Edenkoben 1999
Roman »Ein leeres Gesicht«, Echo-Verlag Zweibrücken 2001



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