Fledermäuse



Aus der »Vogelbuch«
von Conrad Gessner (1516-1565)

Besonders bekannt sind im Zusammenhang mit den Vampiren die nach diesen benannten »Vampirfledermäuse«, auch gerne nur »Vampir« genannt.

Seit alters her gilt die Fledermaus, das »Wesen zwischen Nacht und Tag«, bei vielen Völkern als Tier des Teufels. Man wusste diese »seltsamen« Tiere auch lange nicht richtig einzuordnen. Die artenreiche Säugetiergruppe der Fledermäuse oder »Speckmäuse« stellte noch Conrad Gessner (1516-1565) zu den Vögeln; und diese Enzyklopädie blieb bis ins 18. Jahrhundert das maßgebliche Nachschlagewerk der wissenschaftlichen Zoologie!

Die Ordnung der Fledermäuse (Chiroptera) besteht derzeit aus 18 Familien in zwei Unterordnungen: den Microchiroptera (eigentliche Fledermäuse) mit rund 800 Arten und Körpergewichten von 5 bis 100 g und den Megachiroptera (Flughunden) mit etwa 200 Arten (100 bis 1.000 g). Diese Ordnung ist so artenreich, dass etwa ein Viertel aller Säugetierarten fliegen kann!

Unter all’ diesen Arten haben die drei Vampir-Arten aus der Fledermaus-Unterfamilie der Desmodontinae das am höchsten entwickelte Sozialverhalten und sind am »liebevollsten«.



Der Gemeine Vampir (Desmodus rotundus) ernährt sich vom Blut von Säugetieren – und nur davon – (die anderen beiden Arten sind auf Vögel spezialisiert), indem er ein Stück Haut abbeißt oder aber eine Ader punktiert und dann das laufende Blut aufleckt; er ist also kein richtiger »Blutsauger«. Ein 25 Gramm schweres Tier kann gut 15 Milliliter Blut schlucken; das sind etwa zwei Suppenlöffel, rund 20 Gramm. Das ist so, als würde ein 70 Kilo schwerer Mensch pro Nacht 42 Kilo Nahrung aufnehmen. Das Tier ist dann so schwer, dass es nicht mehr fliegen kann und zu Fuß zur Höhle zurückkehrt. Nach ca. 60 Stunden ohne Nahrungsaufnahme stirbt ein Vampir; hungrige Tiere werden deshalb von ihren Artgenossen mit Blut gefüttert.

»Fledermaus«
von Albrecht Dürer
(1471-1528)

Direkt können die Vampire dem Menschen nicht gefährlich werden, doch sind sie gefürchtet als Krankheitsüberträger, besonders der Tollwut. Deshalb werden sie in Südamerika stark bejagt, teilweise zu Zehntausenden in ihren Höhlen vergast. Im Juli 1999 sorgten durch blutsaugende Fledermäuse in Peru verursachte Tollwutfälle weltweit für Schlagzeilen,  in Großbritannien kam es Ende November 2002 zu einen Todesfall nach einem Biss durch eine Fledermaus! Ende Mai 2004 wurden aus Brasilien mindestens 22 Totesfälle infolge von Tollwut nach Fledermausbissen gemeldet, und im November 2005 berichtete ddp über eine Zunahme von Vampirattacken in diesem Land, seither werden dort gefangene Fledermäuse mit Gift bestrichen; Fledermäuse reinigen sich durch Lecken gegenseitig das Fell.

Andererseits: Der Speichel der Vampirfledermäuse wird in naher Zukunft sehr gute Dienste bei der Behandlung von Thrombosen und Schlaganfallgeschädigten leisten.

Im August 2011 berichtete die Zeitschrift NATURE, dass man entdeckt habe, wie die in der Nase der Vampirfledermäuse liegenden winzigen, hochsensiblen Wärmesensoren funktionieren: molekulare Infrarotfühler, mit deren Hilfe sie ihre Opfer zielsicher dort beißen können, wo eine mit warmem Blut gefüllte Vene direkt unter der Haut liegt. Bekannt war bereits, dass Vampirfledermäuse drei blattförmige Gruben an der Nase besitzen mit Ausläufern des Gesichtsnervs, die besonders stark auf Temperaturen oberhalb von 29 Grad Celsius ansprechen. An der University of California in San Francisco wurde die entscheidende Struktur entschlüsselt: ein Molekül, das auch vom Menschen und anderen Säugetieren bekannt ist, aber bei den Fledermäusen leicht modifiziert vorliegt. In der menschlichen Zunge, der Haut und den Augen dient TRPV1 als Schmerz- und Verbrennungssensor. Bei den Vampirfledermäusen tut es das auch, in den leicht vergrößerten Nervenknoten der Trigeminus-Ausläufer aber ist das TRPV1-Molekül leicht verkürzt; dort liegt die Temperaturschwelle um rund 30 Grad Celsius niedriger. So kann der Ionenkanal in der Nase als Wärmesensor fungieren, überall sonst aber weiterhin Schmerz- und Verbrennungsreize signalisieren.

Neben den Vampirfledermäusen gibt es nur noch ein paar Schlangenarten, die Infrarotstrahlung direkt wahrnehmen können. Boas, Pythons und Grubenottern dienen ebenfalls Ausläufer des Trigeminus-Nervs, im Grubenorgan, als Sensoren; damit messen sie im Infrarotbereich bei Wellenlängen von einem Mikrometer bis einem Millimeter die Temperatur und können Veränderungen von 0,003 Grad Celsius wahrnehmen. Sie erstellen ein dreidimensionales Wärmebild der Umgebung und können so auch bei Dunkelheit warmblütige Beutetiere wahrnehmen.

Auch wenn die Phylogenie (Stammesgeschichte) der Fledermäuse keineswegs als geklärt gelten kann, vermuten manche, dass sie gemeinsame Vorfahren mit den Menschen haben; manche Systematiker ordnen einige Arten sogar – wie den Menschen – unter den Primaten ein:

»Wo und wann beginnt die Stammesgeschichte der Fledermäuse? Niemand kann es sagen, obwohl in jedem Lehrbuch steht, die Urväter der Fledermäuse seien die Insectivora gewesen. [...] Seit der australische Neurobiologe Pettigrew die Megachiropteren aufgrund ihrer Sehbahn zum Mittelhirn als fliegende Primaten bezeichnete [1986], scheint ein Teil der Fledermäuse wieder unter das Dach der Primaten zurückzuwandern. [...] So ist die Frage der phylogenetischen Systematik der Fledermäuse mehr denn je in der Diskussion. [...] Die Penismorphologie stellt die Chiropteren in die Nähe der Primaten. [...] Unabhängig von den Verwandschaftsbeziehungen zwischen Mikro- und Megachiropteren bleibt festzuhalten, dass alle Chiropteren den Primaten durch eine Reihe von Merkmalen nahestehen.« (Neuweiler)

Dies unterstützt die im Teil »Biologie der Vampire« entworfene These, wenn es denn Vampire gäbe, so könnten es Wesen sein, die sich im Laufe der Evolution aus einem von Blut lebenden Tier parallel zum Menschen entwickelt hätten. Wenn es ein solches Tier gibt, dürfte es von den Vorfahren der Vampirfledermäuse abstammen!

Der Aufbau des oben erwähnten TRPV1-Gens allerdings lässt die Vampirfledermäuse eher einordnen in die Säugetiergruppe der so genannten Laurasiatheria, zu denen u. a. Kühe, Hunde und Maulwürfe gehören, nicht aber der Mensch.

Klaus RICHARZ: Fledermäuse – Stuttgart 2004
Klaus RICHARZ, Alfred LIMBRUNNER: Fledermäuse – Fliegende Kobolde der Nacht – Stuttgart 1992/2003
Gerhard NEUWEILER: Biologie der Fledermäuse – Stuttgart/New York 1993