Erotik

Die erotische Komponente des Vampirs ist neben den Motiven der Unsterblichkeit und des Aussaugens der dritte wichtige Aspekt für seine heutige Bedeutung. Sie ist allerdings ursprünglich mit Frauen verknüpft und eigentlich eine literarische Erfindung des 19. Jahrhunderts. Zwar hat der Vampir auch in den Mythen natürlich eine sexuelle Komponente, ist aber doch meistens ein asexuelles Wesen oder sogar abstoßend. Zumindest ist dieser Aspekt gegenüber denen des Ewigen Lebens und des Aussaugens zweitrangig. 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Vampirmotiv zunehmend sexualisiert. 
»Das Geschlechtliche war aus dem bürgerlichen Bewußtsein ausgegrenzt und immer unaussprechlicher geworden. Es schlich sich daher in die Gruselgeschichten ein, chiffriert, entstellt und pervertiert«, so Karsten Prüssmann in seinem Buch »Die Dracula-Filme«.  

In Malerei und Literatur wurde der Vampir hauptsächlich als Frau dargestellt und verkörperte das Bedrohliche am weiblichen Wesen, vor allem im sexuellen Bereich. Bis die männlichen Vampire soweit waren, vergingen noch Jahrzehnte; erst Bela Lugosi und vor allem Christopher Lee brachten diesen Aspekt zum Tragen. Bei Bram Stoker ist Graf Dracula in erster Linie ekelhaft; die Vampirfrauen hingegen haben selbst bei diesem verklemmten Autor eine starke erotische Ausstrahlung. 

In den letzten Jahren wurde im Vampir-Genre die weibliche Erotik immer wichtiger, weniger als Symbol für die Bedrohung des Mannes durch die Frau, sondern als Zeichen für die Freiheit, die Emanzipation der Frau. Hervorragende Geschichten sind in diesem Kontext entstanden, so sind etwa die von Barbara Neuwirth in »Blaß sei mein Gesicht« (Wiener Frauenverlag, auch Suhrkamp-Taschenbuch) versammelten Stories böse und satitirisch und verbinden trotzdem oft genug Melancholie, Bedrohung und Erotik. Und im Bereich der lesbischen Literatur gehören Vampirinnen zu den gerne beschriebenen Heldinnen im Kampf um die Freiheit der eigenen Sexualität (sehr empfehlenswert »Draculas Töchter«, Fischer-Verlag: moderne Stories von Frauen über Frauen – und »Carmilla« als Ahnfrau des Genres).