DRACULA und der Film

Erst der Film hat Dracula aus Bram Stokers gleichnamigem Roman so richtig bekannt und zu einer modernen Legende gemacht. 

Horrorfilme gehören seit ihrer Erfindung zu den beliebtesten Filmen überhaupt. Kein Wunder, ist doch die Wirkung des Mythos vom »Halbwesen« (Vampire, Werwölfe, Mumien, Frankenstein’s Monster u.ä.) »nicht in seiner Gewalttätigkeit allein begründet..., sondern eben in jener Zwiespältigkeit, die unsere Gefühle in der Schwebe zwischen Mitleid (gepaart mit Bewunderung) und Ablehnung (gepaart mit Furcht) hält« (Seeßlen/Weil). 

Dracula verkörpert diese Ambivalenz in der vielleicht ausgeprägtesten Form. Den Erfolg speziell der Dracula-Filme in den USA erklären Seeßlen/Weil mit der Angst der Amerikaner vor der Verführung ihrer Frauen durch europäische »Lebemänner« und dem Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem kulturell »überlegenen« Europa: »Dracula ist die greuliche Karikatur des europäischen Liebhabers, den der amerikanische Pionier zu überwinden trachtete. Deutlich bezieht sich die Ausstrahlung des Verführers auf den gefürchteten Gegensatz von Arbeit und Eros; wer die Arbeit nicht kennt wie Graf Dracula, der über Jahrhunderte hinweg ohne Arbeit lebt, der muss zwangsläufig zu einem Monster werden, das alle Energie in erotische Offensive investiert.« 

Diesen Roman möglichst originalgetreu zu verfilmen, wäre sicher interessant: »Das Zerstückeln der Geschichte scheint jedoch geradezu filmisch und nicht nur literarisch interessant. Man könnte in Bram Stokers Schnittfolge eine brauchbare Vorgabe für eine eigenwillige filmische Umsetzung erkennen... Es wäre wirklich ein interessantes, spannendes und aufschlußreiches Experiment, Dracula unter Beibehaltung der Vorgabe von Bram Stokers Schnitten wie einen Dokumentarfilm abzudrehen.« (Karsten Prüssmann in »Die Dracula-Filme«). 

Leider gibt es unter den ca. 400 Filmen, in denen Dracula in der einen oder anderen Form auftaucht, nur wenige Glanzlichter; für mich zählen dazu »Dracula«, 1931, Regie Tod Browning, mit Bela Lugosi (geb. 1882, der erste »klassische« Dracula, ein Ungar, der stets betonte, dass er aus einem vampirreichen Land komme, und der, 1956 nach langer Drogenabhängigkeit gestorben, im schwarzen Dracula-Cape begraben wurde); »Dracula«, 1958, Regie Terence Fisher, mit Christopher Lee (geb. 1922, »legitimer Nachfolger« Lugosis, der ihm seinen »magischen« Ring vermacht hatte, Mitglied einer italienischen Adelsfamilie, der seinen Stammbaum auf Karl den Großen zurückführt und sich von seinen 6 Dracula-Filmen ironisch distanziert); »Tanz der Vampire«, 1966, von und mit Roman Polanski – eine hervorragende Parodie, in der fast alles ins Gegenteil verkehrt wird; »Dracula«, 1978, Regie John Badham, mit Frank Langella, Laurence Olivier, Donald Pleasance und Kate Nelligan, mit einer absolut phantastischen Musik von John Williams - der beste und in sich schlüssigste Dracula-Film; »Nosferatu - Phantom der Nacht«, 1978, Regie Werner Herzog, mit Klaus Kinski, und »Liebe auf den ersten Biss«, 1978, Regie Stan Dragoti, Komödie mit George Hamilton, die es durchaus mit Polanskis Film aufnehmen kann. 

»Bram Stokers Dracula« von Francis Ford Coppola (1993) gefällt mir nicht besonders. Er ist technisch hervorragend gemacht und schwelgt in einem wahren Bilderrausch, die schauspielerischen Leistungen können sich sehen lassen, die Musik ist nicht schlecht, und es gibt faszinierende Szenen mit oft originellen Ideen. Doch ist mir der Film in vielen Punkten zu unlogisch, hält sich zuwenig an seine eigenen Voraussetzungen und wimmelt von Diskrepanzen. Bei der angeblichen Geschichte von Vlad Țepeș etwa – am Anfang – stimmt fast nichts; besser hätte Coppola gar nicht erst diesen Namen verwandt! Das Gottesbild, das der Film darstellt, ist höchst widersprüchlich (am Anfang der rächend-blutige Gott, am Schluß der Gott der Vergebung). Das Ende des Films ist unlogisch und überhaupt nicht schlüssig: Dracula wird erlöst, bevor er tot ist; die Männer lassen die Frau mit dem Monster gehen, obwohl sie keineswegs mit einem guten Ende rechnen können – usw. usw. Trotz dieser und vieler weiterer Kritikpunkte halte ich Coppolas Film für einen der besseren Dracula-Filme – doch angesichts Coppolas eigenem Anspruchs und des enormen Aufwandes ist er für mich ein Film der vertanen Chancen.