Auszug aus DRACULA – übersetzt von Friedhelm Schneidewind

Auszug aus dem Bericht von van Helsing:

Ich wußte, dass ich zumindest drei Gräber finden musste - die drei Gräber, die von den Vampirfrauen bewohnt wurden, die Madam Minna und mich in der letzten Nacht so bedrängt hatten, mit ihrem schwellenden Fleisch, ihren sündigen, roten Lippen und ihren süßen Stimmen. Doch jetzt würden sie schlafen... Ich suchte und suchte, und schließlich fand ich das erste der Gräber. Dort lag die eine in ihrem Vampirschlaf – so prall, so schön, so voller Leben und wollüstiger Sinnlichkeit – ich schauderte bei dem Gedanken, dass ich gekommen war, sie zu ermorden.

Oh! Ich bin sicher, dass früher schon so mancher versucht hat, was ich vorhatte – jene Wesen aus ihrem Untoten-Dasein zu erlösen. Und dann war er nicht in der Lage, ein so prachtvolles Geschöpf zu zerstören, ihm wurden die Knie weich und das Herz schwach. So zögerte er und zögerte, versunken in den Anblick dieses scheinbar schlafenden Weibes, bis ihn die Schönheit und die Reize der ach so sinnlichen Untoten in ihren Bann gezogen hatten. Und so wartete er und wartete, bis die Sonne unterging und der Vampirschlaf vorüber war. Und dann öffneten sich die schönen Augen der herrlichen Frau, und sie sah ihn voller Begehren und Liebe an, und die prachtvollen Lippen lächelten ihm zu, und der wollüstige Mund lud ihn ein, ihn zu küssen. Und Männer sind nun einmal schwach! Und schon gab es ein weiteres Opfer der Vampire, einen mehr in den entsetzlichen Reihen der Untoten.

Selbst ich, van Helsing, ein alter Mann, war fasziniert von ihrem Anblick, wahrhaft erregt durch ihre bloße Gegenwart, obwohl sie in einem halb verfallenen Grab lag, zerfressen vom Alter und bedeckt vom Staub der Jahrhunderte, und obwohl ein ähnlicher Gestank davon ausging, wie ich ihn von den Ruhestätten des Grafen kannte. Ja, ich fühlte mich erregt – ich, van Helsing, mit all meiner Entschlossenheit, meiner Zielstrebigkeit und meinem ach so begründeten Haß – und verspürte das Bedürfnis, sie noch etwas ruhen zu lassen, ihr Aufschub zu gewähren, ein Gefühl, das meinen Geist zu lähmen schien und meine Kräfte schwinden ließ. War es der natürliche Drang nach Schlaf, nach all den durchwachten Nächten, oder die schlechte, drückende Luft in dieser Gruft, die mich zu überwältigen drohten? Ich begann vor mich hinzudämmern mit offenen Augen wie jemand, der süßen Träumen nachhängt, glitt langsam in den Schlaf, vor meinen Augen stets das Bild des prachtvollen Weibes, das zu töten ich gekommen war – in den Schlaf einer wunderbaren Verzückung.